KUNST Stücke : Feine Beine

Zwei Männerakte in Lebensgröße. Der eine, etwas faltig schon, im schwachen Lichtkegel aus feinen Fäden. Ob er im Regen steht oder unter der Dusche, bleibt offen. Sein Gegenüber entzieht sich dem Blick im tiefdunklen Violett, das fast alle Bilder von Robert Fry beherrscht (Galerie Kornfeld, Fasanenstraße 26, bis 16. November). Farben, Gestalten und Raum scheinen absorbiert zum Nachtschwarz. Das Auge muss sich ins Dunkel vortasten, um die subtil modulierten Schemen zwischen Figur und Fragment, zwischen realistischer Skizzierung und abstrakten Körperfetzen zu erkennen. Der nackte Mann ohne heldenhaftes Pathos. Mal als Duo, mal im Duett mit Skelett oder als Reihung – die Evolution des aufrechten Ganges probend vom Stiermenschen zum Astronauten (Preise: 9800–16 800 Euro). Was sich da begegnet, sagt der 1980 in London geborene Künstler, ist immer „eine Figur“. Das ist bemerkenswert nicht nur ob der mythologischen und kunsthistorischen Bezüge, die Fry knüpft. Für die Serie „Related“ hat sein Vater Modell gestanden. Ein kühnes Experiment ohnehin. Zudem ist Anthony Fry Psychiater. Robert Fry spielt die Vater-Sohn-Beziehung dennoch mit professioneller Distanz und bisweilen sarkastischem Witz aus. Abstrus wird es allerdings, wenn der Senior im Katalog Michelangelos „Erschaffung Adams“ bemüht oder eine „ohrenbetäubende Stille“ beschwört, „die junge, heterosexuelle Männer umgibt“.

Gar so dramatisch ist es um den künstlerischen, auch heterosexuellen Blick auf Männlichkeit nicht bestellt. „Der Mann – Nackt“ präsentiert im Schloss Britz (Alt Britz 73, bis 19. Januar 2014) einen Überblick von 1900 bis in die Gegenwart mit rund 50 Künstlern und Künstlerinnen. Darunter auch Arnulf Rainer, dem das Auktionshaus Ketterer (Fasanenstraße 70, bis 2. Oktober) eine ganze Ausstellung mit Druckgrafiken widmet. Im Zentrum steht der nackte Mann hier zwar nicht, aber in seinen Fotoübermalungen hat der 1929 geborene Österreicher die männliche Physis immer wieder ins Visier genommen. Mit geschlossenen Augen und geöffnetem Mund wird Rainers Porträt in der Kaltnadelradierung „Nasenzentralisation“ zum spitzbübischen Konterfei und in einer unbetitelten Radierung mit bloßem Oberkörper und anrührend fragender Bodybuilder-Pose zum ironischen Hieb auf den Männerkult. Generell aber dient Kunst, so der große Schwarz- und Über-Maler, der „Erfahrungsmöglichkeit der fleischlichen Person“. Die muss nicht immer sichtbar werden. Auch in Rainers Druckgrafiken (1200–8000 Euro) existiert sie als gedanklich starke Vision. Ein „Knie“ oder „Damenbein“ wird mit schwungvoll dichten Informel-Strichen zur faszinierenden Idee des Körperlichen ebenso wie die – natürlich übermalte – „Großmutter“, gespiegelt in einer Locke, die unter braunen Schraffuren hervorlugt.

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