KUNST Stücke : Inselfrische

Filigrane Tuschelinien ziehen über das weiße Blatt. Abstrakte Stadtlandschaft oder Fantasy-Schaltkreis? Mit arabesker Schönheit entwirft Charlotte Knox-Williams einen Kosmos, der wie ein digitales Mandala anmutet. Unterlegt von Videoschichten mit flackernden Teststreifen schiebt sich eine Figur mit Zeichenstift ins Bild, Textfragmente werden sichtbar. Polymorphe Bildstörungen, die die poetische Zeichnung zum Gedankenraum erweitern. „Object perceived“ steht da. Welches Objekt wahrgenommen wird und aus wessen Perspektive, bleibt offen. Denn die Tuschzeichnung in all ihrer Akribie entschlüsseln kann der Betrachter nur, wenn er sich zwischen Film und Projektionsfläche stellt. Der physische Bildeinstieg erzeugt eine weitere Ebene, lässt die Videos in den Randzonen fast verschwinden – flüchtige, vielschichtige Nachbilder (Preis auf Anfrage). In ihrer Mischung aus spielerischer Leichtigkeit und Komplexität ist die junge Londoner Künstlerin die spannendste Entdeckung der Ausstellungstrilogie „After Image“, die Barbara Nicholls und Karen Roulstone für die Emerson Gallery (Schiffbauerdamm 19) kuratiert haben. Im ersten Teil gibt es bis zum 13. August außerdem Aquarelle und Skulpturenminiaturen von Robert Ellis (500–1000 Euro): Cuts aus größeren Bildern, deren Form- und Farbspiele in einer Art Versuchsanordnung ihr Eigenleben entfalten. Während David Ryans Acrylbilder (je 1400 Euro) recht beliebig an der Oberfläche kratzen, bilden die Fotografien von Chris Short mit subtil flirrenden Grautönen einen herrlichen Beitrag zu Sommer, Sonne, „Surfscapes“ (je 1100 Euro).

Seit nunmehr acht Jahren veranstaltet Galerist Russell Radzinski in den Sommermonaten das „Festival der internationalen Kunst“. Mit jeweils einem Länderschwerpunkt und begleitet von Lesungen, Performances und Musik. Nach Japan, Island oder Mexiko fällt die aktuelle Auswahl auf elf Künstler aus dem United Kingdom. Grenzübergreifend präsentierte Anne Caldwell im Rahmenprogramm ihre ganz eigenen Nachbilder: eindrückliche Gedichte, die von Fotografien ihres Vaters vom Berlin der 60er Jahre inspiriert wurden. Als Edition hat die britische Lyrikerin daraus ein wunderbar gestaltetes Künstlerbuch (200 Euro) gemacht. Gespannt sein darf man auf die zweite Staffel (16.–27.8.), die Mark Sowden, Erika Winstone und Trish Wylie gemeinsam mit dem Bildhauer John Frankland bestreiten. Denn Frankland – Jahrgang 1961 und Goldsmith-Absolvent noch vor dem YBA-Hype – ist vor allem für sinnliche, aber auch sperrige Rauminterventionen bekannt. Zum Abschluss der Trilogie (30.8.–14.9.) stellen Matt Hale sowie die beiden Kuratorinnen ihre Variationen des „After Image“ vor. Barbara Nicholls ist in Berlin keine Unbekannte. Zuletzt hat sie 2011 kartografische Material- und Objektbilder im Milchhof Pavillon ausgestellt, Karen Roulstone war im vergangenen Jahr am selben Ort mit einer multimedialen Installation zu Gast. Was sie für die Emerson Gallery erarbeiten, davon lässt sich auch Russel Radzinski überraschen. Das Sommerfestival als großes, spannendes Experiment. Der Auftakt ist gelungen.

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