KUNST Stücke : Knochenarbeit

Ihrem Neptun wünscht man ewigen Winter. Denn mit den ersten Sonnenstrahlen wird der stolze Meereshüter samt Dreizack zerlaufen und sich in öligen Schlieren über den Boden winden. Dabei ist er nicht einmal aus Eis. Sonja Alhäuser hat ihn aus Butter geformt. Aus einem ganzen Berg von Fett, mit dem man sonst mehr die siebziger Jahre assoziiert: Butterberge resultierten aus Stützkäufen, mit denen die BRD ihre Bauern subventionierte. Das überflüssige Produkt kam als Weihnachtsbutter auf den Markt. Besonders billig, wohl um das Plätzchenbacken anzukurbeln. Die Künstlerin, Jahrgang 1968, hat in Düsseldorf an der Akademie studiert und sich eine sinnliche Erinnerung an jene Zeit bewahrt. In der Galerie Michael Schulz (Mommsenstraße 34, bis 30. März) bereitet sie das Thema Nahrung genussvoll auf. Aus schnöder Kalorienzufuhr wird üppiges Schlemmen, das sich in Aquarellen wie „Froh mit Forelle“ oder „Pulpo pur“ (je 4000 Euro) niederschlägt. In ihren in vieler Hinsicht delikaten Zeichnungen fliegen Kaninchen die Felle nur so um die Ohren. Fast vergisst man, dass die zarten Dekore auf den Blättern aus Knochen drapiert sind. Ein barockes Schauspiel formiert sich in der Ausstellung der vielfach mit Preisen und Stipendien versehenen Künstlerin. Denn die flüchtigen Skulpturen brechen wie auch ihre temporären Performances mit vielem, was man sonst aus Galerien kennt. Auch wenn bei Schulz zum ersten Mal stattliche Skulpturen in Neusilber und kleiner Auflage (Preise: 12 000–18 500 Euro) angeboten werden, weil Alhäusers Kunst manchen dann doch zu vergänglich ist. Dabei gehört auch dies in ihren barocken Kosmos: Tod und Leben, Wachsen und Verfall. Zur Eröffnung der Ausstellung gab es Menschlein aus Marzipan zum Knabbern. Die Kaninchen wird es freuen.

Ebenfalls aus der Fülle schöpft Songwen Sun-von Berg. Tuschmalerei auf hochfeinem Papier gehört zu ihrem künstlerischen Repertoire, doch bevor die Besucher der Galerie Yumachi (Knaackstraße 80, bis 30. März, Finissage von 16–20 Uhr) auf die Idee verfallen, die gebürtige Chinesin habe die Tradition ihres Landes ungebrochen importiert, teilt Galerist Steffen Paul ihnen mit, dass Songwen Sun-von Berg als Maschinenbauingenieurin nach Berlin gekommen ist. Mit dem Zeichnen hat sie erst später begonnen – nach der Lektüre romantischer Gedichte, die in vielen ihrer Motive der Ausstellung „Das Werden der Form“ assoziativ mitschwingen. „Wenn die wilden Rosen blühen“ (1800 Euro) oder „Die Krähe fliegt abends nach Hause“ (2100 Euro): Solche Blätter verknüpfen Poetisches mit Malerei. Trotz der Schwünge und entschlossenen Bewegungen wirken die Kompositionen aus Tusche und farbigem Öl so konzentriert, dass man vor ihnen zugleich an Farbfeldmalerei wie an Informel denkt. Die Gesten sind winzig, formen Kringel und Strukturen, die sich zum Triptychon „Himmlische Landschaften“ (5400 Euro) zusammensetzen. Manches erinnert tatsächlich an Kalligrafie. Dabei erzählt die Künstlerin, dass sie vergangenes Jahr während einer Ausstellung in Schanghai auf Unverständnis gestoßen sei – viel zu inkonkret habe man dort ihre Landschaften gefunden. Songwen Sun-von Berg ist dann doch mehr vom westlichen Vokabular der Abstraktion beeinflusst. Und symbolisiert mit ihren sehenswerten Blättern nicht zuletzt den künftigen Weg der Galerie, die im ersten Jahr ihres Bestehens vor allem in China lebende Künstler nach Berlin gebeten hat. Nun bricht Steffen Paul mit dem Prinzip und zeigt, wie sich die Strömungen zweier Kulturen im Idealfall miteinander verbinden.

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