KUNST Stücke : Schöne Scheine

Malen Sie doch mal etwas auf einen Geldschein. Bringen Sie nicht übers Herz? Verständlich. Wenn es noch ein Tabu gibt, dann jenes, Geld zu zerstören. Aber was ist mit Joseph Beuys und seinen Beschriftungen auf Lire-, Dollar- und DM-Scheinen? Doch wie hoch wird der Wert des Kunstwerks taxiert? Wer sich mit den Parallelen von Währung und Kunst auseinandersetzt, stößt bald auf existenzielle Fragen beider Welten. Das muss auch den Rechtsanwalt und Sammler Stefan Haupt fasziniert haben. Er kauft Kunst, die sich dem Thema Geld widmet, rund 150 Werke sind sein Eigen. In der Halle am Wasser wird nun unter dem Titel „Dreißig Silberlinge“ eine Auswahl ausgestellt (Invalidenstr. 50/51, bis 8. Oktober).

Die Ausstellung bespiegelt nahezu allumfassend alle Aspekte des Mottos – und ermüdet doch, wenn die Kunst zu sehr an Scheinen und Münzen kleben bleibt. Neben Beuys haben zahlreiche andere Künstler Banknoten bemalt, zerfetzt, zum Scherenschnitt zurechtgestutzt. Aus der Financial Times, der täglichen Lektüre der Spekulanten, hat Wolfgang Nieblich ein Brikett gepresst. Andreas von Weizsäcker hat aus Banknoten eine „Erhard-Zigarre“ geformt. Spannender wird es, wenn es über die reine Illustration von Macht und Moneten hinausgeht. Wie bei Timm Ulrichs: Der Künstler hat im Münchner Haus der Kunst zwei 500 Euro-Scheine in die Wand eingemauert. Neben Fotos der Aktion hängt eine Schenkungsvereinbarung des Museums, die klarstellt, dass es als kulturelle Einrichtung von der Körperschaftssteuer befreit ist. Kunst kann auch Paragrafenreiterei sein.

Die Geldscheine im Gemäuer werden wohl über kurz oder lang verfallen. Aber was ist mit den Bakterienkulturen, die die Künstler Julian Charrière und Andreas Greiner im Projektraum Program zeigen (Invalidenstr. 115, bis 14. Oktober)? Für „Dominions“ („Herrschaftsgebiete“) haben sie an verschiedenen Orten in der Schweiz und Deutschland – von der Zugspitze bis zum Darß – eine mit Agar-Agar beschichtete Platte aufgestellt und so unsichtbare Mikroorganismen eingesammelt. Blühende Landschaften haben sich daraus entwickelt, wie auf einem belichteten Film bilden sich die Orte ab: Pelzige, geschwürartige Kulturen breiten sich aus, sie leuchten in Grün und Blau oder bleiben modrig-bleich. Wie Satellitenbilder von boomenden Städten sieht das aus. Die Künstler haben die Kontrolle über ihre Arbeit abgegeben: Wann ist das Werk fertig? Was passiert in den abgedichteten Vitrinen auf unterschiedlich hohen Blöcken, entsprechend der Höhenmeter der Einsammelstellen? Der Ausgang des Experiments ist ungewiss. Es sei ihnen erst einmal egal, ob bei ihren Forschungen verkaufbare Produkte entstehen oder nicht, sagen die beiden jungen Künstler, die am Institut für Raumexperimente von Olafur Eliasson studieren. Es geht ihnen um die Erforschung von Bakterien als Material. Und während sie sich noch mit der Farbentwicklung und Lebensdauer der Mikroben auseinandersetzen, stecken sie schon mittendrin in der Debatte um den Wert eines Werks.

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