KUNST Stücke : Wilde Herzen

Tomasz Kurianowicz

Die Ausstellung New Gestural Painting soll die Wiederkehr des gestischen Malens reflektieren, dabei scheinen die drei jungen Künstler David Ostrowski, Elmar Vestner und Henry Kleine den eigenen Ansprüchen selbst nicht ganz gerecht zu werden. In den neuen Kreuzberger Projekträumen der Galerie September (Adalbertstraße 8, bis 26. Mai) dominiert das verschwommene Motiv, in dem sich gestisch-figurative Elemente mit abstrakten Formen mischen. David Ostrowski ist ein Meister dieser Irritationskunst zwischen Zeigen und Verschweigen. Sein „Bild F (Jung, Brutal, Gutaussehend)“ ist nicht nur vom Titel her eine Provokation, sondern vor allem bezüglich der Form (3500 Euro). Die weiße Fläche, in die sich dunkle Motive wie kleine Schlangenlinien schummeln, wird durch drei skurril drapierte Glitzer-Sticker konterkariert.

Diese Symbiose stellt den Betrachter vor schier unlösbare Aufgaben: Suggeriert wird ein Panoptikum menschlicher Eitelkeiten, gezeigt wird eine Fläche mit willkürlich ineinandergreifenden Mustern. Elmar Vestner entgeht dem Erwartungsdruck des Gestischen, indem er jede seiner Aufnahmen (Fotografien je 680 Euro) zerkratzt, verfremdet und die Motive im Vagen belässt. Übrig bleibt ein melancholisches Stimmungsbild ohne konkrete Botschaft. Die Werke von Henry Klein (1500-3800 Euro) steigern diese Sperrigkeit noch einmal ins Absurde. Zu sehen gibt es abstrakte Rauchschwaden auf Industriestoffen wie Glas und Jeans. Gestik? Pustekuchen!

Etwas unironischer geht es in der Galerie Schwarz Contemporary (Sanderstraße 28, bis 9. Juni) zu. Die Einzelausstellung von Clara Brörmann mag zwar ähnlich spielerisch wirken wie die Werke in der Galerie September – im Ausdruck sind die Bilder dafür umso lakonischer und unprätentiöser. Die 1982 geborene und bei Robert Lucander ausgebildete Künstlerin macht auf ihren voluminösen Ölgemälden den Prozess ihres Arbeitsverfahrens sichtbar, der sie von kalkulierter Komposition bis hin zu radikaler Zerstörung führt. Auf den Werken kann man erkennen, wie die Künstlerin die einzelnen Ölschichten aufgetragen und wieder abgetragen hat, wobei das Arrangement durch eine Art geometrische Struktur – durch Streifen, Balken, Dreiecke – zusammengehalten wird. Das Bild „Fingerabdruck“ (2800 Euro) ist hierfür exemplarisch: Die Künstlerin hat das schwarze Bild erst mit Klebeband versehen, um dann beim Abziehen weiße Stellen zu hinterlassen, die aus der Distanz wie die Rillen einer Fingerkuppe aussehen. Der Zufall hat entschieden, wie die Rillen konturiert sind: mal glatt, mal spröde, mal fein, mal grob. Das gibt dem Werk eine berstende, natürliche Kraft, die vor allem im Zusammenspiel in den fantastischen Galerieräumen eine irisierende Wirkung entfaltet. Ergänzt wird die Dialektik aus Verletzung und Ereignis durch intensive, in sich ruhende Farbkompositionen. Das ist umwerfend! Selten hat man so reife, formschöne Bilder einer so jungen Künstlerin gesehen.

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