Kunstmesse Art Basel Miami Beach : Die Sonnensammler

Smartes Kapital, individuelle Wertsteigerung: die Art Basel Miami Beach steht für den Art Style der Gegenwart.

Eva Karcher
Die Koje von Victoria Miro mit Arbeiten von Njideka Akunyili Crosby (hinten) und Yayoi Kusama.
Die Koje von Victoria Miro mit Arbeiten von Njideka Akunyili Crosby (hinten) und Yayoi Kusama.Foto: Scott Rudd/Art Basel

Kurz nach 11 Uhr bei der Preview der Art Basel im Convention Center von Miami Beach: Vor dem Stand von Pace Prints reihen sich die Menschen zur Schlange; Objekt der Begierde ist das bunte, graffitieske Triptychon „Last Time, Alone Again & Far Far Dawn“ von Kaws alias Brian Donnelly in einer Auflage von 100, ausgezeichnet mit dem Preis von 65000 Dollar. Nach 15 Minuten ist die Edition ausverkauft. Der Run auf die Bilder und Skulpturen des ehemaligen Street-Art-Künstlers hat sich seit dem Auktionsrekord von 3,5 Millionen Dollar für ein Gemälde bei Phillips im November noch gesteigert: Kaws’ Erfolg ist ein Phänomen, ähnlich wie die Hysterie bei allem, was Banksy produziert.

Einsteigen ohne große Kenntnisse, aber mit viel Geld

Solche Exzesse freudig-spekulativer Investition in Werke mit hohem Wiedererkennungseffekt verweisen nicht nur auf die immer größere Popularität zeitgenössischer Kunst, sondern auch auf immer mehr vermögende Player, die in den Markt einsteigen. Ohne große Insiderkenntnisse, aber mit viel Geld. Und sie stabilisieren die Branche: Zahlreiche der 268 angereisten Galeristen melden bereits am ersten Abend gute bis hervorragende Verkäufe. Arbeiten im zweistelligen Millionenbereich waren noch nicht darunter, weder das 50 Millionen Dollar teure Werk von Mark Rothko bei Helly Nahmad noch Jean-Michel Basquiats leuchtgelbes Gemälde „Onion Gum“ von 1983, das Van de Weghe für 16,5 Millionen anbietet. Wohl aber konnte Hauser & Wirth nach einer Menge Vorarbeit von bereits 15 Verkäufen berichten. Darunter Philip Gustons „Shoe Head“, 1976 entstanden (7,5 Mio Dollar), Mark Bradfords jüngstes Gemälde „Feather“ (5 Mio Dollar) und die magnetisch intensive „Escape Collage“, von Rashid Johnson, einem weiteren afroamerikanischen Künstler auf dem Weg zum Superstar (245 000 Dollar). Wie begehrt die Arbeiten afroamerikanischer Künstler sind, belegen auch Verkäufe von Werken El Anatsuis bei Jack Shainman (1,2 Millionen Dollar), Kara Walker bei Sprüth Magers (95 000 Dollar) oder Derek Fordjour (26 000 bis 48 000 Dollar) bei der kalifornischen Nova Galerie.

17 parallele Messen und ein neues Festival

Mit 17 Parallelmessen, von denen noch Design Miami, Art Miami, Untitled und Nada besuchenswert sind, spannenden Museumsausstellungen plus dem neuen Faena Festival hat sich Miami seit dem ersten Florida-Auftritt der Schweizer Messe 2002 zum Vorzeigemodell für ein Phänomen entwickelt, das man als Art Style beschreiben könnte: Kunst ist das Vehikel, die entscheidende Ingredienz, um den individuellen Lebensstil wertvoller zu machen und gleichzeitig mit anderen zu teilen. Auf der materiellen Ebene ist Kunst Investment, auf der ästhetischen verschönert sie die privaten und die öffentlichen Lebensräume, auf der emotionalen Ebene sensibilisiert sie, und ihre intellektuelle, ethische Dimension regt dazu an, über Missstände nachzudenken und das eigene Verhalten zu verändern.

Kapital, das in immer größeren Mengen in die Kunst und ihren Markt fließt, ist smart. Es ist humaner und sozialer als viele andere Wertanlagen, denn Sammler und Käufer von Kunst, gerade neue und jüngere, haben häufig den Ehrgeiz, ihre Erwerbungen relativ zeitnah öffentlich zugänglich zu machen. In Privatmuseen, als Schenkungen oder Leihgaben. Sie sammeln auch nicht mehr für die Ewigkeit, sondern schichten immer wieder um, kaufen und verkaufen auf Auktionen und privat, nicht zuletzt auf Messen. Kapital, das in Kunst fließt, ist auf diese Weise auch dynamisch geworden und damit eine immer stabilere Wertanlage.

Vor diesem Hintergrund sind Miamis Großsammler, Rubell, Cisneros Fontanals, Mora, Scholl, Martin Margulies, Rosa de la Cruz, Craig Robins und etliche andere mit ihren gigantischen Kollektionen in ehemaligen Industriehallen Pioniere für jene Initiativen, die Immobilien, Städte oder ganze Regionen mit Hilfe von Kunst entwickeln. Sie finden sich überall, von Frankreich über die Emirate bis nach China. Zudem macht Kunst nicht nur die Vermögenden vermögender, sie nährt auch zahlreiche Dienstleister, von den Hoteliers bis hin zu Spediteuren.

Künstler transformieren Taschen von Dior

Und die Sponsoren rund um die Messe betonen mit ihren Partnerschaften und Kooperationen ihre kulturelle Verantwortlichkeit und Kompetenz. Ob BMW mit seiner Art Journey, die jungen Künstlern Reisen rund um den Globus ermöglicht, Dior mit seiner „Lady Art“-Serie, für die Künstler die berühmte „Lady Dior“-Tasche nach ihren Vorstellungen transformieren, oder die Projekte, die Audemars Piguet mit Künstlern wie dem Argentinier Tomás Saraceno am Strand von Miami Beach realisiert: Die gegenseitigen Berührungsängste sind verschwunden. Saraceno stellt mit seiner Installation „Albedo“ – so heißt das Maß für das Rückstrahlvermögen von nicht selbst leuchtenden Oberflächen – aus zum Himmel gerichteten, geöffneten Schirmen die Frage, wie es wäre, in einer Post-Benzin-Ära zu atmen.

Seine Utopie: Sonnenenergie. Doch das ist nur ein Teil der Antwort. Der andere lautet: Empathie – die Energie der Nächstenliebe.

bis Sonntag, www.artbasel.com

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