KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Wut, Witz, Visionen: das

Quatuor Ebène im Kammermusiksaal

Unglaublich, wie viel Intelligenz und Brillanz bei jungen Quartetten mittlerweile an der Tagesordnung sind, und erstaunlich, dass dieses Niveau ein junges und enthusiastischesPublikum hat wie jetzt im Kammermusiksaal. Das französische Quatuor Ebène ist eine charmante Boygroup, die sich ans Repertoire hält und Ausflüge in die Zeit nach 1950 nur jazzenderweise unternimmt, wie in der nach Mendelssohns furiosem f-Moll-Quartett unausweichlichen Zugabe. Der rasenden Trauer dieses Bekenntnisses bleiben die vier nichts schuldig, am wenigsten Primarius Pierre Colombet, der in Cellist Raphaël Merlin ein fast cooles Gegenüber hat, während Gabriel Le Magadure ein idealer Sekundant ist, und Bratscher Mathieu Herzog seinem Instrument Töne von so samtigem Aroma entlockt, dass man sie einzeln verkosten möchte. Heftigkeit bis zur Geräuschgrenze gibt es ebenso wie jähes Versenken in Grabesakkorde.

Die strukturelle Intelligenz des Ensembles wird hier deutlicher als in Debussys Streichquartett, wo man in glühenden Farben der Trance oft näher ist als der Transparenz. Den 16-jährigen Mozart aber fordern die vier heraus, als wäre er der fünfte in der Band. Sein frühes F-Dur-Divertimento ist funkelnd witzig, zudem entsteht in den bis zum Reißen fein gespannten Sekundreibungen im Andante ein fahler Horizont, der Blick eines viel späteren Mozart, fast unheimlich. Und zugleich Verheißung dessen, was man von den Ebènes noch erwarten darf. Volker Hagedorn

KLASSIK

Muss alles spielen: Nigel Kennedy

in der Philharmonie

Nigel Kennedy sagt von sich selbst, er habe sich Offenheit gegenüber jeder Art von Musik bewahrt und könne alles mit jedem spielen. Sein neues „Bach meets Ellington“-Programm soll das unter Beweis stellen. Mit dem polnischen „Orchestra of Life“ interpretiert der britische Geiger in der Philharmonie Teile der drei Violinkonzerte von Bach. Trocken bis herb geraten die Allegro-Sätze, lieblich die langsamen Passagen. Im Doppelkonzert für Violine und Oboe hat Kennedy kein Mitleid für seinen Solisten Mariusz Pedzialek: Die Tutti sind zu laut, die Oboe ist zwar zu sehen, aber nicht zu hören.

Später, als von Kennedy arrangierter Jazz erklingt, ist das anders. Das Orchester bringt den nötigen Swing mit, markante Soli tun ein Übriges. Trotzdem geht man seltsam unbefriedigt nach Hause. Außer einem im Interview behaupteten harmonischen und rhythmischen Zusammenhang hat man kaum mehr darüber erfahren, warum Kennedy gerade Bach und Ellington zusammenzwingt. Das mag auch an seiner ambitionsfreien Moderation liegen, die vor allem aus der Überleitung: „Es gibt da noch ein anderes Stück“ und aus selbstverliebtem Schweigen besteht. Die anfängliche Begeisterung des Publikums bröckelt später deutlich. Schade auch, dass er die Reihenfolge der Werke nicht verschränkt, sondern beide Komponisten in separaten Blöcken abhandelt. So zeigt der Abend in der Tat letztlich nicht mehr, als dass Kennedy alles spielen kann und nichts begründen muss. Udo Badelt

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