16.03.2013 00:00 Uhr

NS-Lager des Deutschen Reiches am Beispiel Mehringdamm

Mehringdamm 20, 22 und 28 / Früher Belle-Alliance-Straße 6: Das heutige Kreuzberger Finanzamt war von 1855 bis 1919 Standort des 1. Garde-Dragoner-Regiments. Ab 1921 wurden Reitbahnen und Ställe auf dem Gelände zu einem Gewerbehof umgewandelt, das Finanzamt zog 1923 in die ehemalige Kaserne. Während der Nazi-Zeit unterhielt die Frankfurter Adlerwerke AG, ein Unternehmen für motorbetriebene Fahrzeuge, an dieser Stelle ihre Berliner Filiale. Im Krieg beschäftigte die Firma Zwangsarbeiter, meist aus Frankreich. Nachdem das Barackenlager der Adlerwerke am Charlottenburger Wiesendamm Ende 1943 zu großen Teilen zerstört wurde, verlegten die Adlerwerke 20 französische Männer in ein Zwangsarbeiterlager auf das Werksgelände am heutigen Mehringdamm. Forscher haben ermittelt, dass später zeitweise über 100 Menschen hier leben mussten, Ukrainer, Belgier, Niederländer und Franzosen. In der heute nicht mehr existierenden Simeonstraße betrieben die Adlerwerke ein weiteres Lager für Zwangsarbeiter. Auf dem Gelände gab es indes noch mehr Orte, an denen Menschen gegen ihren Willen arbeiten mussten: Die „Deutsche Benzinuhren-Gesellschaft mbH“ ließ hier 1942 eine jüdische Zwangsarbeiterin arbeiten, bereits vorher mussten weitere sieben Juden in der nicht weit entfernten Bergmannstraße 102 für dieselbe Firma arbeiten, sie wurden 1941 und 1942 deportiert, berichtet die Historikerin Beate Winzer. Außerdem befanden sich die Großgaragen eines weiteren Unternehmens auf dem Gelände. In ihnen arbeiteten Menschen aus der Ukraine, Tschechien und Frankreich mindestens von 1941 bis 1943 für einen Dr. Hans Engels, wie das Kreuzbergmuseum berichtet. In diesem Lager lebten im Jahr 1942 insgesamt 27 Menschen, im Folgejahr waren es 17.
Bis heute befinden sich Werkstätten in den Höfen hinter dem Finanzamt, ein Supermarkt für Bio-Lebensmittel verkauft seine Waren im historischen Pferdestall der früheren Kaserne.

Fotos: Mike Wolff

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