19.04.2018 19:58 Uhr

RÜCKBLENDE

Heute vor 15 Jahren … ist die Jazz- und Blues-Sängerin Nina Simone gestorben.

Im Tagespiegel vom 15. August 1971 huldigt ihr Olaf Leitner, auch wenn der Auftakt etwas anderes vermuten lässt:

>Schön ist es nicht, was sie singt. Es klingt immer etwas nach Black Power. Sie macht weder durch Ankauf von Luxusvillen oder Superdiamanten Schlagzeilen, noch posiert sie zu anderen Publicity-Zwecken. Man hat es schwer, sie ins Gespräch zu bringen: Nina Simone. "Es ist immer mein Ziel gewesen", soll sie gesagt haben, "außerhalb aller Kategorien zu stehen. Das ist meine Art von Freiheit." Selbst den Ordnungskriterien der Musik-Bürokraten entzieht sie sich: ist sie eine Jazz-Vokalistin, ist sie Blues-Spezialistin oder singt sie gar Pop? Die Wahrheit steckt in allen diesen Details. Sie geht ans Klavier, setzt sich, spricht einige Worte zu dem was kommt, bringt die Finger auf die Tasten und beginnt. Ihre Gesten sind auf das Notwendigste beschränkt. Keine unbeherrschte Bewegung, die Temperament verrät. Oder gar Ekstase. Understatement - aber nicht um zu bluffen. Alles was sie zu sagen hat in ihren Songs, geht über die Stimme. Ein maskulines unpoliertes Organ - es klingt nach unpoliertem Holz, knarrig, frisch geschlagen. Die Schnittstellen scharfkantig mit herben Splittern. Und das, was sie mit diesem so schrecklichen Organ macht - wie sie es den zarten Tonschleifen eines Kinderliedes anpaßt und mit der Singe-Mentalität kleiner Mädchen aussteuert - man kann alle Superlative absuchen, um noch ein wenig genutztes für sie zu reservieren. Die größte Blues-Sängerin, das ist sie gewiß. Wie sie in "The House Of The Rising Sun", dem sozialkritischen Evergreen, in Seat-Manier den Text ergänzt und in ein Lamento verwandelt, wer kann da noch wagen, sie mit jemand zu vergleichen.

Sie sang und sie singt fast alles. Porgy and Bess, Hair, Jacques Brel und Aznavour, Filmmusiken ("Casino Royale") und reinen Pop ("Cherish"). Und wenn man ihre Interpretation hört, so weiß man, es war nötig, auch diese oder vielleicht nur diese ihre Version zu erfahren. Aber der Blues hält sie fest: "Ihr erhöht unsere Steuern, schickt unsere Söhne nach Vietnam, gebt uns zweitklassige Schulen und behandelt uns wie minderwertige Dummköpfe. Ist denn auf der Welt nicht Platz für alle - egal, ob weiß, gelb, schwarz oder braun?" ("Backlash-Blues"). Man kann es erklären wie der Kritiker Nat Shapiro: "Nimm ein schmerzvoll erworbenes Wissen von der Grausamkeit, vom Unrecht und von der Frustration, gepaart mit sensibilisierter Wachheit für diese Dinge. Dazu etwas Humor, bitteren mitunter, Intelligenz, Talent und die unbedingte Notwendigkeit, Liebe zu erfahren und zu geben. Dann hast du Nina Simone."<

Gut 30 Jahre später gratuliert ihr Tagesspiegel-Autor Christian Schröder zum 70. Und findet: Ihr Lachen ist eine Melodie.

Foto: Imago