40 Jahre "Tagesthemen" und "heute-journal" : Antennen der Nation

Bedürfnis nach Einordnung: Fast alles gut zum 40. Geburtstag von „Tagesthemen“ und „heute-journal“. Wenn da nicht das Thema Fake News wäre.

„Lassen Sie uns den Quatsch beenden“. Mit Sätzen wie dem von Sigmar Gabriel mussten sich Hanns Joachim Friedrichs (r.) und Ulrich Wickert noch nicht herumschlagen.
„Lassen Sie uns den Quatsch beenden“. Mit Sätzen wie dem von Sigmar Gabriel mussten sich Hanns Joachim Friedrichs (r.) und Ulrich...Foto: NDR/G. Schläger

Karl-Heinz Köpcke muss schlechte Laune gehabt haben an dem Abend. Aus Protest, dass er und seine Kollegen bei den „Tagesthemen“ nur noch an zweiter Stelle nach dem Moderator standen, raschelte der „Tagesschau“-Chefsprecher in der ersten „Tagesthemen“ Sendung am 2. Januar 1978 unüberhörbar mit dem Papier. Er gähnte auch noch. Nicht sehr mannschaftsdienlich dieser Auftritt. Und nicht in die Zukunft geschaut. Ungeachtet aller Staatsfunk-, Fake-News- und Social-Media-Debatten gelten „Tagesthemen“ und „heute-journal“ auch im 40. Jahr ihres Bestehens immer noch als die Sendungen im deutschen Fernsehen, ohne die der Tag nicht komplett wird. Flaggschiffe im besten Sinne.

Erster „Tagesthemen“-Moderator war, heute fast vergessen, Klaus Stephan. Das „heute-journal“ im ZDF startete ebenfalls am 2. Januar 1978 mit Dieter Kronzucker. Der Moderator machte es in der ersten Ausgabe ganz sachlich („Also, wir begrüßen Sie zum ,heute-journal’“), er wurde auch nicht von einem raschelnden Nachrichtensprecher gestört. Mit „Antenne und Phantasie“ sollte die Sendung gemacht werden, schrieb der damalige ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel. Die Dinge des Tages, wurden, anders als in den Hauptausgaben der beiden Nachrichtensendungen um 19 und 20 Uhr, reflektiert, eingeordnet, kommentiert und ausführlicher beleuchtet.

Auch wenn es sich 40 Jahre später bei der Moderation von „heute-journal“ und „Tagesthemen“ nicht mehr um ein Nachrichten-Hochamt mit elegant-gehobenen Welterklärern handelt, wie es bei Hanns Joachim Friedrichs, Ulrich Wickert oder Dieter Kronzucker der Fall war, zwei ihrer Nachfolger am öffentlich-rechtlichen Nachrichtenpult, Claus Kleber und Marietta Slomka, halten das Konzept für unveränder- und unverwechselbar. „Die Moderatoren haben eine eigene Persönlichkeit, die Autoren eine eigene Handschrift und natürlich sind Interviews ein wichtiger Bestandteil und sicher ein Markenkern“, sagte Slomka der dpa. Die Grundidee habe Bestand, das Tempo habe sich erhöht, mehr Infos und Bilder müssten auf Authentizität geprüft werden.

„Lassen Sie uns den Quatsch beenden.“

Dem Einen ist die Slomka vielleicht zu kühl, dem Anderen der Ingo Zamperoni im Ersten zu schnippisch, die Auswahl der späten Nachrichtensendung ist wohl Geschmackssache. Die „Tagesthemen erreichen konstant um die 2,5 Millionen Zuschauer“. Bei den Quoten hat das ZDF mit im Schnitt 3,8 Millionen Zuschauern meistens die Nase vorn, auch wegen der vorgezogenen Zeit.

Hochamt hin, Handschrift her, die Versuchung für die Anchormen und Anchorwomen, am Ende des Tages nachrichtlich einen draufzugeben, ist groß. Unvergessene Interviews, immer dabei: das Selbstverständnis von ARD/ZDF als unfehlbare Institutionen der demokratischen Willensbildung. Bayerns damaliger Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sagte Claus Kleber 2012 nach minutenlanger deftiger Kritik gegen die CDU: „Sie können das alles senden, was ich gesagt hab’.“ Slomka und der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel gerieten ein Jahr später aneinander, als es um die Mitgliederbefragung für eine große Koalition ging. „Lassen Sie uns den Quatsch beenden“, sagte Gabriel.

Ihre besondere Rolle haben die Moderatoren der „Tagesthemen“ spätestens ab 1985, als ein festes Zweierteam eingeführt wurde. Wer hier Weltgeschehen pointiert präsentiert, dem werden später die wichtigen Polit-Talks anvertraut, siehe Sabine Christiansen und Anne Will.

Seit 2013 stehen im Ersten Caren Miosga und Ingo Zamperoni im Wechsel vor der Kamera. In die Zukunft schauen beide zuversichtlich. „Vielleicht gibt es künftig andere Ausspielwege und diesen Kasten namens Fernseher nicht mehr, aber das Bedürfnis nach hintergründigen Nachrichten, nach Einordnung und Erklärung wird bleiben und sogar wachsen“, sagt Miosga. Nicht zuletzt sei das Thema Fake News durch die Möglichkeiten der Digitalisierung eine immer größere Herausforderung, so Zamperoni. „Schon heute gibt es Software, mit der man täuschend echt Politikern beispielsweise welche Aussage auch immer in den Mund schieben kann.“ Das werde sich weiter perfektionieren.

Perfekt wird vermutlich auch die Jubiläums-Sendung am Dienstag, dank der ersten Doppelmoderation in der Geschichte der „Tagesthemen“. Einem gähnenden Nachrichtensprecher dürften Miosga und Zamperoni nicht begegnen.

„heute-journal“, ZDF, 21 Uhr 45. „Tagesthemen“, ARD, 22 Uhr 30.

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