ARD-Donnerstagskrimi : Mit Götz Schubert und Yvonne Catterfeld nach Görlitz

Der ARD-Krimi „Wolfsland“ fremdelt mit dem Handlungsort Görlitz. Die ostdeutsche Herkunft von Götz Schubert und Yvonne Catterfeld allein reicht nicht.

Nikolaus Festenberg
Gut gehalten. Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) und „Butsch“ Schulz (Götz Schubert, Mitte) bekommen es mit zwei Toten zu tun, von denen einer vor 400 und der andere vor fünf Jahren ums Leben kam. Foto: MDR/Steffen Junghans
Gut gehalten. Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) und „Butsch“ Schulz (Götz Schubert, Mitte) bekommen es mit zwei Toten zu tun, von...Foto: MDR/Molina Film/Steffen Junghans

Unterm Logo „Donnerstags-Krimi“ tourt die ARD zum Spiel mit Mördern um die Welt. Die beiden deutschen Reihenbeiträge aus Görlitz, „Der steinerne Gast“ in dieser Woche und „Irrlichter“ in der nächsten, verbreiten jedoch wenig Reiselust. „Wolfsland“ steht isegrimmig als Titel über den Filmen, in denen allerdings Fantasie ins Gatter des Konventionellen eingesperrt bleibt.

Görlitz, die niederschlesische Stadt aus dem ehedem „Schwarzes Dreieck“ genannten Industriegebiet zwischen Polen, Tschechien und vergangener DDR, überrascht den heutigen Besucher mit besonderem Zauber. Ein gelungener Sanierungsfall. Fassadenrestauriert, ohne dass eine falsche Schnuckeligkeit entstanden ist, sondern die Armut einer um Arbeitskräfte kämpfenden Stadt (Siemens) erkennbar bleibt.

Der Ort für eine Krimireihe jenseits vom Metropolenstress ist eigentlich richtig gewählt. Man muss nur einen Draht zum Genius Loci finden, zur ostdeutschen Mentalität, zur Wendeverschlossenheit der Einwohner, zur verschmitzten Skepsis, wie ihn in seinen besten Momenten ostdeutsche „Tatorte“ (Peter Sodann) oder der Mecklenburger „Polizeiruf 110“ (Kurt Böwe, Uwe Steimle) gefunden hatten.

Mit ostdeutscher Herkunft der Protagonisten allein – Götz Schubert ist in Pirna geboren, Yvonne Catterfeld in Erfurt – ist noch nichts gewonnen. Dreißig Jahre nach der Wende ist die Verbindung zwischen dem Milieu einer von Abwanderung gebeutelten, dennoch stolzen Stadt und einer vom „Tatort“-Krimi geprägten Neurosenbegeisterung für kaputte Ermittler nicht leicht herzustellen.

Ein polizeiliches Jagdrevier wie Görlitz kann weder einen wie den Hauptkommissar Burkhard „Butsch“ Schulz (Schubert) oder seine Kollegin Viola Delbrück (Catterfeld) befriedigen. Beide sind Borderliner, gejagte Jäger, suchtgefährdet „Butsch“, stalkerverfolgt Viola. Das Paar pflegt im Dienst einen verkrampften, oft besserwisserischen Umgang. Der Zuschauer spürt zudem, wie uninspiriert der Fall ist, den Schulz und Delbrück in Görlitz zu lösen haben.

Ein Leichenfund in einem mittelalterlichen Kaufmannshaus entpuppt sich als Zweileichenfund. Dicht bei den Überresten eines 400 Jahre alten Einwohners kommt eine vergleichsweise junge Täterleiche zutage: ein russischer Räuber, der, wie sich herausstellt, vor fünf Jahren einen Görlitzer Juwelierladen mit zwei weiteren Gangstern überfallen hat.

So originell, wie dieser doppelte Leichenfund – er passt zum Gruselcharakter des mittelalterlichen Görlitz – ankommt, so konventionell erscheint die Geschichte, warum der moderne Räuber so unerkannt mit ins Grab schlüpfte. „Butsch“ hatte den Fall damals bearbeitet. Allerdings schlampig. Er war damals mental Out of Order – Tod der Ehefrau, Entzug des Sorgerechts für die Tochter. Statt gründlich zu recherchieren, bediente Schulz ungeprüft Gerüchte von einer nach Osteuropa geflüchteten Bande. Die an den Rollstuhl gefesselte Juweliersfrau (Renate Krößner) und ihre Tochter lebten weiter in Angst. „Butsch“ ist ein Meister, seine Fehler zu verdrängen.

Psychisch ohne Hypothek ist auch seine Kollegin Viola nicht. Eine rätselhafte, geradezu autistische Störung befällt die Kommissarin, wenn sie ihr Ex-Mann bedroht. Der Film malt auch in der dritten Folge der Reihe am Schauergemälde des stalkerkranken Björn (Johannes Zirner) weiter. Trotz „Butschs“ Beschützerinstinkts fließt bei den Attacken des wahnsinnigen Bedrohers Krimiblut in Strömen, brennen die Kerzen in einer alten Villa. Auch eine Giftmischerschlacht im Juwelierladen während eines Gewitters hat etwas vom harmlosen Retro-Look (Buch: Sönke Lars Neuwöhner, Sven S. Poser, Regie: Max Zähle), vom Märchenerzählen in einer abgehängten deutschen Provinz.

Wieso eine taffe Polizeifrau die Attacken ihres gewalttätigen Ex nicht abstellen kann, erschließt sich dem Zuschauer nicht. Der deutsche Krimi, so zeigt sich, ist immer noch auf der Suche nach dem Raum, in dem er spielt. Er hat die Verbindung zu Dialekt und Mentalität seiner Gegend gekappt. Nun erzählt er lieber von den Problemen seiner Ermittler. Das kann allerdings überall und nirgends spielen.

„Wolfsland: Der steinerne Gast“, ARD, Donnerstag, 20 Uhr 15

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