Arte-Doku über Hitchcocks "Psycho" : Messerstiche in Melonen

Wenn man sich dann noch traut, in die Dusche zu gehen: Eine Arte-Doku lüftet die letzten Geheimnisse von Hitchcocks „Psycho“.

Gleich gibt’s Sirup. Regisseur Alfred Hitchcock bespricht die berühmte Duschszene aus „Psycho“ mit Schauspielerin Janet Leigh.
Gleich gibt’s Sirup. Regisseur Alfred Hitchcock bespricht die berühmte Duschszene aus „Psycho“ mit Schauspielerin Janet Leigh.Foto: Arte

Jeder kennt sie. Selbst die, die den Film noch nicht gesehen haben sollten, haben schon einmal davon gehört: die Filmsequenz, in der eine Frau unter einer Dusche mit einem Küchenmesser ermordet wird. Als Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ im Sommer 1960 Weltpremiere hat und anschließend in den USA in die Kinos kommt, da stehen die Menschen draußen Schlange. Jeder will ihn sehen, diesen neuen Film. Hitchcocks vorangegangene Arbeiten waren „Vertigo“ und „Der unsichtbare Dritte“ – große Kinowerke in breitem Cinemascope, mit Stars wie Kim Novak oder Cary Grant. Doch nun ist alles anders.

„Psycho“ bricht radikal mit allen Normen und Regeln der Kinematografie, vor allem aber mit den Sehgewohnheiten insbesondere des prüden US-Publikums der späten 1950er Jahre. Der Film ist eine Low-Budget-Produktion, wird von Hitchcock im November und Dezember 1959 mit dem Team seiner wöchentlichen US-Fernsehshow schnell heruntergedreht und ist überdies in Schwarz-Weiß gehalten. Besetzt ist er mit Janet Leigh, Vera Miles und dem erst 27-jährigen Anthony Perkins, der zum Zeitpunkt des Kinostarts von „Psycho“ bereits mit Ingrid Bergman im Paris vor der Kamera steht und von dem massiven Hype, der nun einsetzen wird, überrollt wird.

Als die Menschen in den USA im Kino sitzen und „Psycho“ sehen und etwa nach dem ersten Drittel des Films Hauptdarstellerin Janet Leigh in der Rolle der Marion Crane unter der Dusche brutal und vollkommen unerwartet umgebracht wird, rennen viele schreiend aus den Kinosälen heraus: „In dem Moment, in dem der Vorhang sich öffnet und er zusticht, kam ein lang anhaltender Schrei aus dem Publikum“, erzählt Regisseur Peter Bogdanovich im Dokumentarfilm „78/52“, der im Oktober seinen Kinostart in den USA und parallel auf Arte seine Premiere hat. „Zum ersten Mal in der Geschichte des Films war es im Kino nicht sicher. Als ich mittags auf den Times Square hinaustrat, hatte ich das Gefühl, vergewaltigt worden zu sein“, so Bogdanovich weiter.

Detail für Detail seziert Philippe akribisch die Duschsequenz

Filmautor Alexandre O. Philippe beleuchtet in diesem sehenswerten Neunzigminüter – den er ganz in Schwarz-Weiß hält, auch in den Interviewpassagen und nachinszenierten Szenen – den Film „Psycho“ im Allgemeinen und die dreiminütige Duschsequenz im Besonderen: 78 Kameraeinstellungen und 52 Schnitte, so erklärt sich der etwas kryptische Filmtitel „78/52“. Einstellung für Einstellung, Detail für Detail seziert Philippe akribisch die Duschsequenz.

Es gelang dem Filmautor, das body double für Schauspielerin Janet Leigh, die heute knapp achtzigjährige Marli Renfro zu interviewen. Sie ist nach Jahrzehnten erstmals in dieser Dokumentation zu sehen und spricht über die siebentägigen Dreharbeiten zu der technisch wie visuell hochkomplexen Sequenz, die sie damals als 21-jähriges Pin-up-Model erlebte.

Denn nicht Janet Leigh ist es, auf die das große Küchenmesser von Norman Bates einsticht, es ist der Körper von Marli Renfro. Lediglich in den Close-ups des Gesichts ist Leigh zu sehen. Dass Hitchcock anstelle von Kunstblut für den Schwarz-Weiß-Film Hershey’s Sirup verwendet, ist gemeinhin eher bekannt, weniger aber, dass er für die vielen Einstiche, die akustisch auf der hochgezogenen Tonspur laut und deutlich zu hören sind, Melonen testen lässt. Mit den Messereinstichen in die Casaba-Melone, einer Unterart der Honigmelone, ist der gewichtige Meister schließlich zufrieden.

Alfred Hitchcock wird in den darauffolgenden Jahren fortan in Interviews auf die ihm eigene ironisch-humorige Art trocken zum Besten geben, dass er überraschend viele Briefe erhalte von Kinogängern, die sich nicht mehr trauen, unter die Dusche zu gehen. Tatsächlich löst sein Film in den USA so etwas wie eine Dusch-Phobie aus. Ein Phänomen. „Psycho“ hat einen Schock ausgelöst: einen Kulturschock, einen Sehschock, einen Zivilisationsschock. Noch heute, bald sechzig Jahre nach seiner Kinopremiere, geht von Hitchcocks hochmanipulativem, raffiniertem Meisterwerk eine bezwingende Sogwirkung aus, insbesondere wenn man das Schwarz-Weiß-Drama auf einer großen Kinoleinwand zu sehen bekommt.

„78/52 – Die letzten Geheimnisse von ,Psycho‘ “, Arte, Sonntag, 22 Uhr 15

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