Arte-Reihe "Krieg der Träume" : Ideale, Ideologien, Irrtümer

Eine Arte-Reihe zeigt Menschen im „Krieg der Träume“ zwischen 1914 und 1939, zwischen Kommunismus und Kapitalismus

Jan Freitag
Berlin, Berlin. Die Polin Apolonia Chalupiec (Michalina Olszanska) träumt in Berlin von einer Karriere als Filmschauspielerin. Der Regisseur Ernst Lubitsch fördert sie unter dem geheimnisvollen Namen „Pola Negri“ – sie wird ein Superstar des Stummfilms.
Berlin, Berlin. Die Polin Apolonia Chalupiec (Michalina Olszanska) träumt in Berlin von einer Karriere als Filmschauspielerin. Der...Foto: SWR/Looksfilm

Und Geschichte, so scheint es, sie wiederholt sich doch. Wenn am Dienstagabend auf Arte mal wieder ein rechter Anschlag verkündet wird, mag der Tonfall aus dem Off ein anderer sein, das Opfer sowieso, vom Täter ganz zu schweigen. Und auch, dass sich die blutige Tat am Schwarzwaldrand statt tief im Osten ereignet hat, klingt nicht so recht nach sächsischem Wutbürger. Dann aber schnarrt ein Sprecher im besten Pegida-Duktus, „die Systempresse heult vor Wut, doch wahre Patrioten triumphieren“, und man wähnt sich kurz im Sachsen der Gegenwart. Worüber „die Systempresse“ da angeblich heult, ist allerdings kein Brandsatz aufs nächste Flüchtlingsheim oder ein rechter Mob in Rage, sondern der Mord am Weimarer Finanzminister Matthias Erzberger.

Fast 100 Jahre ist es her, dass der konservative Regierungspolitiker für seine Billigung des Versailler Vertrags von nationalistischen Freikorps erschossen wurde. Doch wer die rechte Reaktion darauf hört, dem könnte noch heute ganz schwummrig werden im Angesicht des Gleichklangs von Wortwahl und Wut der Gegner von Liberalismus oder Demokratie. Zu hören ist sie im zweiten Teil eines Dokudramas, mit dem der Kulturkanal das Ende des Ersten Weltkriegs feiert. Wobei Feiern viel zu euphorisch klingt. Denn die Fortsetzung des Vorgängers „14 Tagebücher“ ist nicht nur wegen aktueller Analogien verstörend. Die Quintessenz aus 400 Minuten lautet nämlich: Nach dem Krieg war vor dem Krieg.

Nach dem Krieg kam der Bürgerkrieg

Kaum war der Pulverdampf verzogen, versank halb Europa im Bürgerkrieg zwischen links und rechts, Kapitalismus und Kommunismus, Politik und Straße. Wie vor vier Jahren schildert Regisseur Jan Peter dieses neue Chaos auf den Trümmern des Alten durch die Erinnerungen realer Zeitzeugen. Sie reichen von der französischen Anarchistin May Picqueray über den künftigen Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß bis hin zur schwedischen Sexualaufklärerin Elise Ottesen, und wenn sich der vietnamesische Antikolonialist auf Mission in Versailles als späterer Präsidenten Ho Chi Minh entpuppt, zeigt sich, wie vielgestaltig Geschichtsfernsehen sein kann.

Dafür nutzt Jan Peter erneut ein filmästhetisches Mittel, das die Zerrüttung des Kontinents schon 2014 klug in Szene gesetzt hat. Anders als im Dokudrama üblich wechseln nachgestellte Spielszenen nicht en bloc mit dem Material aus 75 Archiven in 23 Ländern; sie gehen reißverschlussartig ineinander über.

Wenn die polnische Schauspielerin Apolonia Chalupiec als Pola Negri den Stummfilm der Weimarer Republik erobert, wird ihre knallbunte Fiktionalisierung durch Michalina Olszanska daher ständig von der schwarz-weißen Wirklichkeit gebrochen. Und wenn der linke Fabrikarbeiter Hans Beimler sein ausgebeutetes Proletariat für den Kampf gegen Kapital und Nazis mobilisiert, mischen sich Impressionen echter Verelendung nahtlos unter die Verkörperung durch den Darsteller Jan Krauter.

Publikum wird unterschätzt

Vom revolutionären Aufbruch der Massen über die umstrittenen Friedensverträge von Versailles bis hin zur rechtsradikalen Reaktion mit all den rasch erwachenden Weltmachtsträumen, die sich wie ein nahendes Gewitter überm kurzen Sommer der Demokratie zusammenbraut, sorgt dieses Stakkato aus Archivmaterial und Reenactment, Animationssequenzen und Bildcollagen somit für den lautlosen Soundtrack der Implosion einer Zivilisation. Und gelegentlich schafft er es sogar, die vielfach aufdringliche Hintergrundmusik des Deutschen Filmorchesters Babelsberg zu übertönen.

Ohnehin – diese Publikumsunterschätzung! Nicht nur empfindlichen Zuschauern dürfte es ein ums andere Male auf die Nerven gehen, dass ein kriegsbedingter Stromausfall aus dem Off zwingend mit „Schon wieder Stromausfall!“ kommentiert werden muss, damit auch der letzte Nebenbeigucker merkt, hier hat nicht einfach nur jemand das Licht ausgeknipst. Und Nazis blicken natürlich ebenso wie Kapitalisten grundsätzlich verschlagen bis bösartig drein. Darüber hinaus aber ist „Krieg der Träume“ die unterhaltsamste Lehrstunde des Historytainments seit Langem. Und ein Grund mehr, wieder wachsam zu sein.

„Krieg der Träume“, Arte, Dienstag, um 20 Uhr 15

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