Bremer "Tatort" : Frisches Blut für Dracula

Der ziemlich gruselige „Tatort“ aus Bremen über eine junge Vampirin ist nichts für schwache Nerven.

„Es war eine Vampirin“: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) hat Schwierigkeiten, von der stark traumatisierten Zeugin (Lilly Menke) sachdienliche Hinweise zu erhalten.
„Es war eine Vampirin“: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen) hat Schwierigkeiten, von der stark traumatisierten Zeugin...Foto: Radio Bremen/Christine Schröder

Dieser Film dürfte die „Tatort“-Gemeinde vermutlich wieder mal entzweien: In Bremen meuchelt eine junge Vampirin ihre Mitbürger. Weil Autor und Regisseur Philip Koch mithilfe von Musik, Soundeffekten und Bildgestaltung gekonnt alle Register des Horrorgenres zieht, wird er so manchen Zuschauer das Gruseln lehren; „Blut“ erzählt eine dieser Geschichten, die anscheinend nichts anderes wollen, als die Angstlust zu bedienen.

Schon der Auftakt entspricht dem typischen Muster moderner Horrorfilme: Drei Freundinnen schauen sich nachts einen Thriller an. Als die Gastgeberin die Runde verlässt, vermittelt die dräuende Musik prompt wachsendes Unbehagen. Geschickt baut Koch die Spannung auf, zögert den Höhepunkt jedoch hinaus. Das Grauen schlägt erst zu, als sich die beiden anderen verabschieden; am nächsten Tag wird eine von ihnen mit zerfetzter Kehle im Park gefunden.

Gerade für Horrorfans liegt der Reiz des Films im Spiel mit dem Genre. Während sich Hauptkommissarin Lürsen (Sabine Postel) nicht von ihrer Überzeugung abbringen lässt, dass Vampire nicht existieren, ist sich Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) da nicht so sicher; erst recht, als ihn die Vampirin (Lilith Stangenberg) gebissen hat. Alsbald weist der Kommissar all jene Symptome auf, die ein Professor in einem Buch über die Geschöpfe der Nacht beschrieben hat. Sein im Fieberwahn erlebter vermeintlicher Transformationsprozess äußert sich in zunehmenden Unschärfen; selbst sein Spiegelbild scheint zu verschwinden. Gekonnt inszeniert sind auch seine Albträume. Die Folge ist übrigens die vorletzte, bevor Postel und Mommsen 2019 den „Tatort“ verlassen.

Bestes Krimi-Handwerk

Gerade in diesen Momenten zeigt sich, dass „Blut“ bestes Handwerk ist, denn um mit den Konventionen des Genres zu spielen, muss man es perfekt beherrschen. Der Bildgestaltung ist außerdem anzusehen, dass der Regisseur und sein Kameramann Jonas Schmager nie die erstbeste Einstellung gewählt haben, wenn sich auch ungewöhnliche Perspektiven finden ließen; die suggestive Kameraführung sorgt gerade in den Nachtszenen für eine Atmosphäre permanenter Bedrohung. Dass Dunkelheit und Zwielicht ohnehin eine nicht unerhebliche Rolle spielen, versteht sich von selbst.

Koch setzt mit „Blut“ seine vorzügliche Filmografie fort. Seit seinem Debüt, dem grausamen Gefängnisfilm „Picco“ (2011), hat er ausschließlich sehenswerte und vor allem völlig unterschiedliche Arbeiten abgeliefert, darunter der spritzige Krimi „Hardcore“ (2017), ein „Tatort“ aus München, der im Pornomilieu spielte, oder „Der Tod ist unser ganzes Leben“ (2017), ebenfalls aus München, ein düsterer Film über die verschiedenen Gesichter der Wahrheit.

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Die Episode „Blut“ bleibt diesem hohen Niveau treu, selbst wenn es mitunter den Anschein hat, als passe die Geschichte so wenig zu einem „Tatort“ aus Bremen wie Sabine Postel ins Horrorgenre; Oliver Mommsen hat dank Stedefreunds Reise durch seine seelischen Abgründe ohnehin die deutlich reizvollere Rolle. Aber auch diesen Einwand kontert Koch mit einem ebenso cleveren wie tragischen Twist am Ende, als sich zeigt, dass die Geschichte die ganze Zeit ein Krimi war. Tilmann P. Gangloff

„Tatort: Blut“, Sonntag um 20 Uhr 15, ARD

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