Crowdfunding-Projekt "Republik" : Digitale Eidgenossen

Ungezügelt nach dem Neuen greifen: Das Crowdfunding-Portal „Republik“ aus der Schweiz will seriösen Online-Journalismus liefern – mit viel Reflexion, Essays und Disput.

Die Website republik.ch
Die Website republik.chScreenshot: Tsp

Was man nicht alles lesen soll, um der Zukunft des Journalismus ins Auge zu blicken: „Vice“, „Buzzfeed“ und „reddit“, „Spiegel daily“ und „bento“, die „Huffington Post“, „correctiv“ und „Krautreporter“. Aus der Schweiz hinzugetreten ist nun ein weiteres, anspruchsvolles Online-Projekt namens „Republik“, das mittlerweile seit einer Woche freigeschaltet ist. Auch hier wurden vorab große Erwartungen geschürt, war die Ankündigung recht vollmundig. Wieder sollte mindestens der Journalismus gerettet werden, die Diskurskultur und ein wenig auch die Demokratie.

Hinter dem Projekt steckt ein kleines kompetentes Team, das von den in der Schweiz weltberühmten Journalisten Constantin Seibt und Christof Moser angeführt wird, zu dem IT-Spezialisten und Vermarkter ebenso gehören wie eine erfahrene Geschäftsführerin. Textchef ist der durch „Geo“- und „correctiv“-Reportagen auch in Deutschland bekannte Ariel Hauptmeier. Das ist mehr als ein Häuflein sympathischer Amateure und etwas ganz anderes als eine lokale Dependance eines erfolgreichen US-Formats.

Hier soll ein von den großen Verlagen unabhängiger kritischer Journalismus entstehen, der von engagierten Nutzern getragen wird. Als crowdfunding-Projekt ist die „Republik“ äußerst erfolgreich. Rund 3,2 Millionen Euro Starthilfe haben Spender und Investoren zugesagt, wenn mindestens dreitausend Abonnements vor dem Start abgeschlossen würden. Tatsächlich haben die Initiatoren bereits vor Ende der Zeichnungsfrist von über achttausend Nutzern fast 2 Millionen Euro eingesammelt.

Die Sache hat also schon Hand und Fuß und stolz nennen sich die Macher nun „crowdfunding-Weltmeister“. „Republik“ ist keine am grünen Tisch ausgedachte Gründung, sondern scheint ein Bedürfnis zu treffen. Jeder Abonnent ist auch Verleger, ähnlich wie hierzulande die „taz“ ist die „Republik“ genossenschaftlich organisiert.

Kinkerlitzchen aller Art, Schnupper- , Lock-Abonnements oder gar Gewinnspiele gibt es gar nicht, ordentliche 22 Schweizer Franken kostet das Monatsabonnement. Geboten werden mindestens drei neue Artikel täglich, auf die ein Newsletter morgens nüchtern hinweist.

Kein investigativer Scoop ließ das Land erbeben

Die Startseite sieht aus wie ein großzügig bebildertes Magazin und lässt sich lange nach unten scrollen. Man kann auch auf das Logo klicken und erhält dann eine schmucklose Liste der vorhandenen Artikel. Die Gestaltung ist klar, ordentlich, übersichtlich – also auch etwas langweilig. Als „Republik“ am Sonntag vor einer Woche vorfristig startete, ging es nicht mit einem Knüller los, kein investigativer Scoop ließ das Land erbeben.

Stattdessen gab es eine Serie wohl durchdachter, gründlich überlegter und feinsinnig geschriebener Texte über Facebook, über die Zukunft der Demokratie, wenn deren Bürger doch stets zu irrationalem Handeln neigen, und die ausführliche „Bilanz einer Gerichtsreporterin“. Zu Wort kam die auch bei uns stark präsente Framing-Expertin Elisabeth Wehling, ein aus deutscher Sicht etwas schwächerer Text untersuchte die Verhandlungskünste Angela Merkels. Deutlich wurde das angestrebte journalistische Profil: Statt crossmedialer Formenexperimente gibt es Vertrauen in den ausführlichen Text.

Kein Thema wird da reißerisch „übergeigt“ wie in den Klick-Maschinen „HuffPo“ oder „buzzfeed“, die Tonalität ist stets recht ernst, nie infantil wie zum Beispiel bei „bento“. Zunächst fehlen auch aufdringliche „Ich“-Reports wie „Vice“ sie liebt. Allerdings startete dann am Freitag doch eine sechsteilige Reportage aus dem Südgürtel der USA, die zugleich in doppelter „Ich“-Perspektive ausgiebig das Zerwürfnis der beiden Reporterinnen breittritt.

„Republik“ will nicht den Fehler machen, zu hastig und zu schnell zu berichten“, das steht im Newsletter. Davon kann keine Rede sein. Hier ist die Reflexion, der Essay, der Disput zu Hause. Eifrig folgen die Nutzer der permanenten Aufforderung zur Debatte, weitgehend ohne den üblichen Überbietungswettbewerb an Originalität oder gar Radikalität. Was bislang fehlt sind spielerische Formen und Leichtigkeit, kleine Texte, Witz und Ironie.

An dem getragenen Ton dürfte das wenig ändern

Immerhin wurden gegen Ende dieser ersten Woche etwas kürzere Texte präsentiert. So schrieb am Donnerstag Olivia Kühni, dass Gier, Sucht und Sex nicht Störgeräusche der Zivilisation, sondern deren Motor seien – ein durchaus erfrischender, wenn auch nicht mehr ganz so neuer Gedanke. Angekündigt als zukünftiger Arbeitsschwerpunkt wird noch Justizkritik, worauf man gespannt sein darf.

An dem getragenen Ton dürfte das wenig ändern, aber die „Republik“ will wohl bewusst einen seriösen Kontrapunkt zur knatterbunten innerschweizerischen Konkurrenz „Watson“ setzen. Das Portal ist auch eher als Ergänzungs-, denn als Primärlektüre konzipiert. Nach dem Vorbild der Rubrik „The most important stories of the week, explained“ von vox.com soll es immer freitags um sieben Uhr ein knappes Briefing „Was diese Woche wichtig war“ geben. Aus deutscher Sicht könnte man „Republik“ am ehesten noch als eine Art links-verschobenes, multithematisches „Cicero“ charakterisieren. Auch gedruckt kann man sich das Magazin gut vorstellen.

Ob es als digitale Marke trägt, ob es auch gefunden wird, wenn es nicht gezielt gesucht wird, ob „Republik“ auf Dauer an Einfluss gewinnt, ist nicht entschieden. Ein solider Grundstein aber ist gelegt. „Republik“ ist kein grundstürzend neuer digitaler Rütlischwur, sondern eher darauf aus, journalistisch Bewährtes im digitalen Neuland zu behaupten. Keine Jakobiner sind hier am Werk, sondern die „Republik“ spricht zu uns wie Walter Fürst in Schillers Rütliszene: „Die alten Rechte, wie wir sie ererbt von unseren Vätern wollen wir bewahren, nicht ungezügelt nach dem Neuen greifen.“

www.republik.ch

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