Film-Essay von Dominik Graf : Die Selbstkasteiung

Dominik Grafs Essay "Verfluchte Liebe deutscher Film": Was das Kino der Nachkriegszeit fürs Fernsehen von heute bedeutet.

Jan Freitag
Verfluchte Liebe. Nach diesen Bildern durfte man andere Filme machen.
Verfluchte Liebe. Nach diesen Bildern durfte man andere Filme machen.Foto: WDR/Augustinfilm

Wenn Dominik Graf etwas macht, macht er es in seiner sehr eigensinnigen Art: äußerlich träge, doch innerlich aufgewühlt, dabei bis zur Verbissenheit präzise, konsequent experimentell und über die Maßen unterhaltsam. Wenn einer von Deutschlands bedeutendsten Regisseuren eine Art Nekrolog seines Metiers dreht, reicht es ihm nicht, sein dargestelltes Objekt als tot zu skizzieren. Für Graf ist es „totgefördert, totgescriptet, totgequatscht, totunterrichtet, totproduziert, totgelacht und totgegrübelt“. Recht hat er, auch wenn der Autor dieser Zeilen etwas beklagt, woran er seinen Anteil hat: die „Verfluchte Liebe deutscher Film.“

So lautet der Titel von Grafs Selbstobduktion, die 2016 auf der Berlinale für Diskussionen sorgte. Jetzt läuft sie im WDR, kurz vor Mitternacht. Dabei ist das 90minütige Essay eine bitternötige Erklärung von heute zur bitternötigen Erklärung von 1962. Bei den „Westdeutschen Kurzfilmtagen“ verfassten junge Regisseure ein Pamphlet, das den Fatalismus ihres späteren Kollegen vorwegnahm: Der körper- wie geistlose Nachkriegsfilm, hieß es im legendären „Oberhausener Manifest“, sei mausetot.

Komischerweise gab es in diesem Film keine Nazis, aber Bombenstimmung. Statt Selbstreflexion blühte das Edelweiß. Bis hin zum Dialekt wurde dem Heimatfilm alles Individuelle abgeschliffen. Dem Desaster ließen die Revoluzzer um Haro Senft und Alexander Kluge das nächste folgen: Anstatt den Genrefilm ihrer Eltern einer Prüfung zu unterziehen, schlugen sie ihr ganzes Handwerk zu Brei.

Hypersexualisierte Kiezthriller, Neowestern, Gangsterballaden

Konsequenz: Die Filme waren zwar revolutionär, aber vielfach ungenießbar. Folgekonsequenz: eine Konterrevolution, gekontert von Konterkonterrevolutionen, die durch hypersexualisierte Kiezthriller, Neowestern, Gangsterballaden fast zwangsläufig Richtung „Schwarzwaldklinik“ führten.

Genau da setzt Dominik Grafs Amour Fou mit der Leinwand ein. Sie hat ihn nicht nur zu famosen Milieustudien („Hotte im Paradies“), Krimis („Frau Bu lacht“) und Serien („Im Angesicht des Verbrechens“) am Bildschirm getrieben. Graf unternimmt nun auch noch die dokumentarische Binnenrevision des hiesigen Film- und Fernsehschaffens. Angefangen 2014 mit dem Fernsehporträt „Es werde Stadt“, zwei Jahre später fortgesetzt von „Verfluchte Liebe deutscher Film“ mit Schwerpunkt 70er Jahre, vorerst abgeschlossen in „Offene Wunder deutscher Film“, der am 5. März im WDR die 1960er Jahre beleuchtet.

Wie sadomasochistisch Dominik Graf besonders in diesen zwei Beiträgen agiert, zeigt sich heute. Die sexualisierten, gewaltsüchtigen Bilderstürme seiner Gesprächspartner von Klaus Lemke bis Roland Klick haben ihn fraglos inspiriert. Zugleich ist die Erleichterung spürbar, dass man danach Filme machen durfte, in denen sich Raimund Harmstorf nicht drei Packungen Tempos in den Schritt seiner Lederhose stopft, um in Rolf Olsens Bankraubdrama „Blutiger Freitag“ 1972 Sehgewohnheiten zu sprengen. Zwei Jahre zuvor kam „Mädchen mit Gewalt“ von Roger Fritz ins Kino. Der WDR zeigt den Film am Dienstagabend (23 Uhr 40). In dieser Machohymne liefern sich die jungen Klaus Löwitsch und Arthur Brauss Dialoge von so eindrucksvoller Banalität, dass man Grafs sonderbare Beziehung zu seiner verfluchten Liebe deutscher Film der vergangenen 50 Jahre noch besser versteht.

„Verfluchte Liebe deutscher Film“, Montag, WDR, 23 Uhr 20

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