Ingmar Bergmans "Persona" : Szenen einer Krise

Arte zeigt zunächst die Dokumentation "Der Film, der Ingmar Bergman rettete“ und danach den Film "Persona".

Manfred Riepe

„Persona“ zählt zu den bedeutendsten Werken der Kinogeschichte. Das enigmatische Psychogramm zweier Frauen, deren Identitäten allmählich verschmelzen, gilt als Kultfilm schlechthin. Ingmar Bergmans schwermütige Kunstbeflissenheit ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Eine Arte-Dokumentation nimmt daher den 100. Geburtstag des schwedischen Regisseurs zum Anlass, um seinen Schlüsselfilm neu zu entdecken. Was die ästhetisch-biografische Studie wert ist, lässt sich direkt überprüfen: Im Anschluss wird „Persona“ nämlich ausgestrahlt.

Die Doku-Autorin Maria Sjöberg und die Regisseurin Manuelle Blanc konzentrieren sich auf die Jahre 1965/66, in denen der Film entstand. Bergman galt zu dieser Zeit bereits als einer der bedeutendsten Kinoschaffenden. Er hatte Meilensteine wie „Wilde Erdbeeren“ und „Das Schweigen“ realisiert. Damit wuchs auch der Erwartungsdruck. Administrative Verpflichtungen bei der Leitung des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm raubten Bergman zusätzlich Kraft. Eine verschleppte Erkältung erwies sich als Lungenentzündung. Bergman war aus dem Gleichgewicht geraten – buchstäblich und auch schöpferisch.

Ein aufschlussreiches Mosaik aus Archivaufnahmen macht nachvollziehbar, welche Umbrüche sich seinerzeit ankündigten. Die Erschütterungen der 68er-Epoche waren bereits zu spüren – und Bergman ereilte das panikartige Gefühl, nicht mehr Schritt halten zu können. Mit seinem nächsten Werk, so setzte er es sich in den Kopf, musste er sich völlig neu erfinden. Vor dem Hintergrund dieser existentiellen Krise rekonstruieren Sjöberg und Blanc die Dreharbeiten von „Persona“. Zahlreiche Making-Of-Szenen verdeutlichen, wie sehr der Regisseur sein bisheriges Schaffen dabei infrage stellte.

Produktive Zweifel

Diese Zweifel erwiesen sich als produktiv. Beginnend mit dem furiosen Vorspann, der wie ein visuelles Gedicht komponiert ist, bis hin zum damals ungewohnten Ineinanderfließen von Realität und Traum führt die Doku die wichtigsten Innovationen dieses Films vor Augen. Dabei stützen die beiden Autorinnen sich hauptsächlich auf Jan Holmberg, den Direktor der Ingmar Bergman Stiftung, sowie den französischen Regisseur Arnaud Desplechin. Zu Wort kommen auch die schwedische Regisseurin Susanne Osten, die Bergman noch persönlich kennenlernte, sowie der Kameramann Darius Khondji und der Filmkritiker N. T. Binh.

Ihnen allen gemeinsam ist allerdings ein recht affirmatives Verhältnis zum Werk des schwedischen Bildermagiers. Man vermisst ein wenig die distanzierte Bewertung. Denn so mancher Kunstgriff aus „Persona“ erscheint aus heutiger Sicht doch etwas manieriert. Aufschlussreicher sind die Gespräche mit den beiden Hauptdarstellerinnen, Bibi Andersson und Liv Ullmann. Letztere stand bei „Persona“ erstmals bei Bergman vor der Kamera und wurde daraufhin seine Geliebte.

Die Dokumentation lässt durchblicken, dass die künstlerische Vision und die erotische Sehnsucht in diesem Film bruchlos ineinander fließen. Wer mit Bergman nicht kann, wird von dieser Revision nicht bekehrt. Wer aber„Persona“ als Symptom einer überwundenen Schaffenskrise neu erleben will, dem bietet diese vielschichtige Doku interessante Anregungen.

„Der Film, der Ingmar Bergman rettete“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 10; „Persona“, 23 Uhr 05

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