Löschen oder nicht? : Die digitalen Drecksarbeiter von Manila

Der Dokumentarfilm "The Cleaners" zeigt die "Putzkolonnen" bei der Akkordarbeit für Social-Media-Giganten wie Facebook

Das Böse tilgen. Die Cleaners arbeiten in Zehn-Stunden-Schichten.
Das Böse tilgen. Die Cleaners arbeiten in Zehn-Stunden-Schichten.Foto: Farbfilm Verleih

Der unendliche Kosmos des Internets schnurrt auf zwei Begriffe und eine Entscheidung zusammen: „ignore“ oder „delete“? Darf ein Post online bleiben oder muss er gelöscht werden? Der Content Manager muss in Sekunden entscheiden, ein Post ist immer nur der Post vor dem nächsten. Akkordarbeit, genauer Drecksarbeit ist das, was zehntausende Menschen in Zehn-Stunden-Schichten in Manila leisten. Die Hauptstadt der Philippinen ist der weltweit größte Outsourcing- Standort für Content Moderation. Die Silicon-Valley-Giganten Facebook, Youtube, Twitter & Co. lassen dort ihre Plattformen von Menschenhand und mit Menschenverstand putzen. Algorithmen können zwar Bildinhalte identifizieren, aber nicht einordnen, Algorithmen kennen keine Moral. Nur der Mensch erkennt des Menschen Absicht, nach der Fotos und Videos von Kindesmissbrauch oder IS-Enthauptungen online gestellt werden. Die Dritte Welt sorgt für den Seelenfrieden der Ersten.

„The Cleaners“ zeigt Arbeit und Albtraum der Billiglöhner. Der nachdrückliche Debütfilm von Hans Block und Moritz Riesewieck, die für Regie, Kamera und Buch verantwortlich zeichnen, konzentriert sich auf fünf Content Manager. Sie berichten von der Belastung, Sekunde für Sekunde mit Perversionen oder eben auch Nicht-Perversionen konfrontiert zu werden. Sie sind stolz auf ihre Leistung, eine „Putzfrau“ sieht es als ihre christliche Pflicht, das Böse, das Teuflische im World Wide Web zu tilgen. Ewig macht das keiner, zu traumatisch sind die Erfahrungen.

"Digitale Säuberung" gaukelt Lösung und Erlösung vor

Der Dokumentarfilm im Duktus eines smarten „Thriller noir“ sucht weitere Ebenen. Er thematisiert, wie im Gespräch mit Tristan Harris, einem ehemaligen Design-Ethiker bei Google, die gesellschaftlichen und politischen Ambivalenzen der sozialen Netzwerke, dieser Katalysatoren von Freude und Hass, von Information und Manipulation. Im Hintergrund läuft auf der Ton-und-Bild-Spur stets die Herausforderung an alle, an Digitalgiganten, Regierungen, an uns und dich mit: Kennt jede Freiheit nur zwei Optionen – „Delete“ oder „Ignore“?

Die „digitale Säuberung“ gaukelt die Erlösung vom Bösen nur vor, weil sich in deren Schleppnetz kritische Stimmen und stimulierende Initiativen finden können. Die (Zensur-)Kriterien für die gewünschte Reinlichkeit bleiben bei aller Recherchewut von Block und Riesewieck unklar, tief verborgen im Bauch der Konzernwale. Nicht verborgen bleibt der mögliche ideologische Kontext, wenn der philippinische Präsident Rodrigo Duterte sein Land mit aller Gewalt von „Kriminellen“ säubern will.

Die Produktion von „The Cleaners“ dauerte anderthalb Jahre, der Abspann zeigt, an wie viele Türen Produzent Christian Beetz rund um den Globus für die Mittelbeschaffung klopfen musste. Die Anstrengung der Macher hat sich gelohnt, der multidimensional recherchierte und spannend rhythmisierte Film über die Schattenmenschen der Digitalisierung stellt eine wesentliche, eine aktuelle Frage zur Zeit.Joachim Huber

In 9 Berliner Kinos (OmU)

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