Lügenpresse-Hysterie ebbt ab : Deutsche vertrauen Medien wieder stärker

Studie der Uni Mainz zeigt: Medienvertrauen steigt, Lügenpresse-Hysterie lässt nach und das Vertrauen ins Internet stürzt regelrecht ab

Lügenpresse? Der Vorwurf wurde schon mal deutlich lauter formuliert.
Lügenpresse? Der Vorwurf wurde schon mal deutlich lauter formuliert.Foto: picture alliance / dpa

Vor kurzem förderte das Edelman Trust Barometer 2018 zu Tage, dass traditionelle Medien wie Zeitungen und TV-Sender sowie seriöse Online-Medien deutlich an Vertrauen gewinnen. Susanne Marell, CEO der Kommunikationsagentur, sagte dazu im Tagesspiegel-Interview: „Damit einher geht auch ein klarer Anstieg des Vertrauens in Journalisten. In einer Welt der Verunsicherung sehnen sich die Menschen verstärkt nach Fakten und Einordnung. Von Experten, die ihre Profession gelernt haben.“

Dazu passen die neuesten Befunde der Langzeitstudie „Medienvertrauen“ des Instituts für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität: Die „Lügenpresse“-Hysterie ebbt ab. So haben 2017 nur noch 13 Prozent der Deutschen die Aussage bejaht, dass die Bevölkerung von den Medien systematisch belogen werde. Ein Jahr zuvor seien es noch fast 20 Prozent gewesen. Auch bei der Aussage „Die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Bevölkerungsmeinung zu manipulieren“ ist die Zustimmung gesunken – von 15 auf zwölf Prozent.
Zudem zeigen die repräsentativen Daten, dass 42 Prozent der Deutschen den etablierten Medien in wichtigen Fragen vertrauen. Nur 17 Prozent äußern grundsätzliches Misstrauen, weitere 41 Prozent nehmen eine Zwischenposition ein. 2016 war der bisherige Tiefpunkt erreicht: Da waren 22 Prozent voller Misstrauen, der Teils/Teils-Pegel lag bei 37 Prozent.

Größtes Vertrauen in Öffis und Tagespresse

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Tagespresse genießen bei etwa zwei Dritteln Vertrauen, sagte die Studie aus. Nur jeweils fünf Prozent sind bei diesen Medien grundsätzlich misstrauisch.

Die anhaltende Fake-News-Diskussion hat beim Internet einen regelrechten Vertrauenssturz ausgelöst. Nur noch zehn Prozent der Bürger halten Online im Allgemeinen für vertrauenswürdig – das ist ein Rückgang um 14 Prozentpunkte. „Der Mehrheit ist offenbar bewusst“, schreiben die Mainzer Forscher, „dass im Internet, das als Hybridmedium ganz unterschiedliche Angebote vereint, besondere Vorsicht und Aufmerksamkeit geboten ist, ob eine Quelle seriös ist.“ Nur etwa zwei bis drei Prozent hielten Nachrichten in den Sozialen Netzwerken für vertrauenswürdig.

Fake News und Hasskommentare: Deutliche Mehrheiten von zwei Dritteln bis drei Vierteln der Deutschen sehen in beiden Phänomenen eine echte Gefahr für die Gesellschaft. Jeweils 69 Prozent erwarten von der Politik gesetzgeberisches Handeln, um sowohl Fake News als auch Hasskommentare zu bekämpfen.

Allen Trendzahlen zum gewachsenen Medienvertrauen zum Trotz findet sich ein beachtlicher Teil der Bevölkerung in der Berichterstattung der Medien nicht wieder. So kritisieren 36 Prozent, dass sie „die gesellschaftlichen Zustände in ihrem Umfeld ganz anders wahrnehmen, als sie von den Medien dargestellt werden“. 24 Prozent sagen, dass die Themen, die ihnen wichtig sind, von den Medien nicht ernst genommen werden. Weiterführende Analysen der Langzeitstudie zeigen, dass sich vor allem diejenigen Menschen von den Medien entfremdet fühlen, die mit der Politik und Demokratie sowie ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation unzufrieden sind, die eine hohe Sympathie für die AfD haben.

Dazu gehören auch Menschen, die häufig Kommentare auf den Facebook-Seiten etablierter Medien lesen und schreiben.

Irrige Vorstellungen von Arbeit und Aufgabe des Journalismus

Zudem führt die Studie aus, dass zwar die Mehrheit der Bevölkerung über ein in wichtigen Punkten zutreffendes Wissen über Arbeit und Aufgabe des Journalismus verfügt. Gleichwohl existieren hier große Potenziale für Medienbildung und Aufklärungskampagnen. Nach den Daten der Mainzer Forscher stehen vor allem Menschen, die über wenig Medienwissen verfügen, den etablierten Medien besonders kritisch gegenüber. Wer zum Beispiel (fälschlicherweise) glaubt, Journalisten müssten ihre Berichte vor der Publikation von Behörden prüfen lassen oder der Staat würde darüber entscheiden, wer Journalist werden dürfe, schenkt den Medien auch kein Vertrauen. Das sind jeweils erschreckende elf Prozent.

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