Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" : Auf eigene Gefahr

Werther-Effekt? „Tote Mädchen lügen nicht" hat mit dem Suizid eines Mädchens Debatten ausgelöst. Staffel 2 stellt Warnschilder auf

Hannah Baker (Katherine Langford) ist tot. Aber die Gründe für ihren Suizid werden weiter untersucht.
Hannah Baker (Katherine Langford) ist tot. Aber die Gründe für ihren Suizid werden weiter untersucht.Foto: Beth Dubber/Netflix

Tabubrüche in der Unterhaltungsbranche erzeugen maximale Aufmerksamkeit. So löste auch die Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ mit einer umstrittenen Szene heftige Debatten aus. Eine Jugendliche nimmt sich das Leben und hinterlässt Kassetten, in denen sie Mitschüler als Schuldige benennt. Ärzte und Experten warnten mit Blick auf den Werther-Effekt, der dargestellte Selbstmord würde das Thema verharmlosen und könnte zu Nachahmung führen. Studien belegen einen Zusammenhang zwischen ausführlicher Berichterstattung über Suizide und steigenden Suizidraten.

Aufgrund der Kontroverse waren die Erwartungen an die zweite Staffel groß. Nach dem Tod von Hannah Baker (Katherine Langford) soll ein Gerichtsprozess Hintergründe ans Licht bringen und Verantwortliche finden. Hannahs Mitschüler schildern im Zeugenstand ihre Versionen ihrer Beziehungen zu Hannah. Derweil erhält ihr Freund Clay (Dylan Minnette) anonyme Polaroids mit Hinweisen auf grausame Verbrechen. Offenbar will jemand ihn und andere Zeugen zum Schweigen bringen.

In der Serienfortsetzung rücken die Probleme von Hannahs Freunden und Angehörigen in den Vordergrund. Ihre Mutter (Kate Walsh) kämpft, von Schuldgefühlen und Scham geplagt, vor Gericht für ihre tote Tochter. Hannahs Mitschülerin Jessica (Alisha Boe) wird von Flashbacks ihrer Vergewaltigung heimgesucht, ihr Exfreund Justin (Brandon Flynn), in den Hannah verliebt war, kämpft mit einer schweren Drogensucht.

Clay, der schrecklich unter Hannahs Tod leidet, bekommt Besuch von ihrem Geist, der mitunter zum Quälgeist wird. Im Zwiegespräch kommentiert Hannah dessen Suche nach der Wahrheit mit vielsagenden Sätzen wie: „Du hast meine Geschichte so gehört, wie ich wollte, dass sie erzählt wird. Aber es gibt immer eine andere Seite der Geschichte.“

Diesmal verzichten die Macher auf Schockszenen wie in der ersten Staffel, ganz ohne Derbheiten läuft die Story trotzdem nicht ab. So sieht man Szenen, in denen Jugendliche einander bedrohen und verprügeln. Denn Gewalt, Vergewaltigung und Mobbing sind weiterhin an der Tagesordnung an Hannahs Highschool. Hierarchische Strukturen halten dabei ein System des Schweigens aufrecht. Dass einige Figuren in dem Gefüge offenbar ernsthafte psychische Probleme haben, wird jedoch nur oberflächlich verhandelt.

Staffel 2 hat ihre Längen

Erzählerisch folgt die zweite Staffel der Jugendserie dem umständlich verschachtelten Vorbild der ersten. Die Handlung springt zwischen Gerichtssaal, Schule und Kinderzimmer. Trotz filmischer Raffinesse hat die Fortsetzung mit 13 knapp einstündigen Episoden ihre Längen.

Dass „Tote Mädchen lügen nicht“ kein Popcorn-Kino ist, macht Netflix deutlich. In Intros warnen die Schauspieler die Zuschauer vor Episoden mit schwierigen Inhalten und raten, sich bei Problemen Hilfe zu suchen. Am Ende der Staffel äußern sich Experten, Pädagogen und Darsteller in einem „Beyond the Reasons“-Video. Unter 13reasonswhy.info stellt Netflix außerdem Kontakte zu Hilfseinrichtungen und Informationsmaterial bereit, darunter einen Gesprächsleitfaden für Eltern, um schwierige Gespräche mit ihren Kindern zu führen. Im Abspann der Episoden wird auf das Online-Angebot hingewiesen.

Produzent Brian Yorkey erklärt in einer Pressemitteilung, die Serie wolle ehrlich über das heutige Leben von Teenagern berichten und zeigen, welche Dinge sie durchmachen. Einige Szenen seien schwer anzusehen, „aber wir haben jede Szene mit großer Sorgfalt und Rücksicht gedreht“. Wie schon in der ersten Staffel habe man sich dafür Expertenrat geholt. „Wir hoffen und glauben, dass unser ehrliches Storytelling die vielen, vielen Erfahrungen junger Erwachsener (und deren Eltern) würdigt, die sich selbst solchen Problemen stellen“, schreibt Yorkey. „Vor allem hoffen wir, dass die Serie die Diskussion über diese Themen in unserer Kultur vorantreibt.“

Ihre aufklärerische Absicht verarbeiten die Macher auch filmisch: Nachdem Clay Hannahs Tapes ins Netz gestellt hat, muss er sich beim Schuldirektor erklären. Der befürchtet, die Veröffentlichung könnte Suizid-Nachahmer provozieren. Clay entgegnet, die Tapes würden notwendige Gespräche über das Thema anregen. Letzteres ist Netflix zwar gelungen. Unbeantwortet bleibt, warum ausgerechnet ein Teenie-Thriller das geeignete Format für einen solchen Debattenbeitrag sein soll.

„Tote Mädchen lügen nicht“, Staffel 1 und Staffel 2 auf Netflix

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