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Talk-Premiere in der ARD : Günther Jauch versucht es mit Gemächlichkeit

Die große Runde soll das Thema an jeder Ecke abdecken, nur das Zentrum, das politische, bleibt unbehaust. Keine Prominenz aus Regierung und Opposition ist geladen, der frühere Verteidigungsminister Struck muss ganz allein für die Entscheidung zur „uneingeschränkten Solidarität“ seines Kanzlers Gerhard Schröder einstehen. Er tut das, mit ruhiger Stimme, der Friedensapostel Todenhöfer bringt ihn nicht in Rage.

Jürgen Klinsmann, der Trainer der US-Fußball-Nationalmannschaft, ist auch noch da. Er soll berichten, wie die Amis ticken. Klinsmann fängt jeden Satz an mit „Der Amerikaner...“ er kennt offenbar jeden von ihnen. Seine Beiträge sind von schlagender Schlichtheit. Mag es böse Absicht sein oder nicht, als „Klinsi“ sagt, wie wenig gut der Amerikaner informiert ist, wechselt Jauch das Sende-Element „60 Sekunden“ ein: Für den weniger gut informierten Deutschen werden die Kosten und Nutzen des Afghanistan-Engagements bilanziert. „Günther Jauch“ will keinen Zuschauer überfordern, Jürgen Klinsmann scheint dafür sein Maßstab zu sein.

Nach der Premiere ist die Zukunft dieser laut Ankündigung „politischen Gesprächssendung“ schwer vorherzusagen, aber ist die Entpolitisierung, genauer: die Entpersonalisierung von Politik ein Projekt mit Zukunft? Sind die Volksvertreter so ein Affront für das Fernsehvolk, ein Ausschaltimpuls, der Ruin der groß gedachten Einschaltquote? Erstaunlicher Vorgang in einem Studio, dessen Ambiente dem Bundestag  nachempfunden ist. Wenn Frank Plasberg, Jauchs ARD-Konkurrent, zugesehen hat, dann weiß er, was er am Montag zu tun hat: klare Kante in einer politischen  Kampfarena. Das wäre die interessante Alternative. Onkel Günni probiert’s erst mal mit Gemächlichkeit.

Der performative Widerspruch unterbleibt. Zwischen der Gestik des Herrn Jauch und der Rede desselben ist Deckungsgleichheit festzustellen. Er macht nicht auf „Millionär“, wo sich ein Kandidat nie ganz sicher sein kann, ob der gefürchtete „Dackelblick“ beim Gewinnen oder beim Scheitern helfen will. Allerdings blinkt in der Gasometer-Arena kein Joker weit und breit, wenn der Talk hakt. Die Spannung kommt aus dem Premierencharakter der Sendung, nicht aus dem Ablauf, nicht aus der Dramaturgie, nicht aus dem Gespräch.

„Günther Jauch“ ist gestartet. Die Erde in Deutschland hat nicht gebebt. Aber 5,1 Millionen Zuschauer haben eingeschaltet.

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