Terror-Serie auf Amazon Prime : War 9/11 zu verhindern?

Verschwörungstheoretiker aufgepasst! Die Amazon-Prime-Serie „The Looming Tower“ beleuchtet die Rolle von CIA und FBI.

Jan Freitag
Bedrohte Nation. Da hilft es wenig, wenn sich CIA und FBI nicht gegenseitig in die Karten schauen lassen.
Bedrohte Nation. Da hilft es wenig, wenn sich CIA und FBI nicht gegenseitig in die Karten schauen lassen.Foto: Hulu

Über die Anschläge von 9/11 gibt es fantastische Verschwörungstheorien. Im wilden Wechsel ist darin mal Israel der Drahtzieher, mal George W. Bush, hier werden die Einstürze zur Computersimulation umgedichtet, dort die Flugzeuge zu Marschflugkörpern. Immobilienspekulanten und Freimaurer, Pyromanen und Henry Kissinger – die Auswahl der Verantwortlichen ist so vielfältig wie kreativ. Kaum jemand allerdings gibt dem „9/11 Truth Movement“ überzeugter Anschlagsleugner reichhaltigere Nahrung als John O'Neill.

Als Leiter der Terrorabwehr des FBI in New York war er Al Qaida Ende der Neunziger so dicht auf den Fersen, dass ihr Angriff aufs Word Trade Center vermeidbar erscheint – hätte sich der streitbare Bundespolizist nicht im Dauerclinch mit der CIA befunden. Zusätzlich erschöpft vom Wirbel um private Eskapaden trat John O’Neill kurz vor dem 11. September 2001 daher zurück und nahm einen komplett anderen, zugleich aber sehr ähnlichen Job an: als Sicherheitschef des World Trade Centers. Ausgerechnet. Er wurde darunter begraben.

Die Story klingt zu irre, um wahr zu sein. Umso mehr eignet sie sich für das, was ab heute bei Amazon Prime zu sehen, besser: zu bestaunen ist. Basierend auf Lawrence Wrights preisgekröntem Sachbuch „The Looming Tower“ (Deutsch: „Der Tod wird euch finden“) erzählt die gleichnamige Mini-Serie zum Binge-Watching fesselnd, wie es zum überaus verschwörungstheorieanfälligen Berufswechsel kommen konnte – und damit womöglich zum schlimmsten Terroranschlag der Geschichte.

Es ist ein Hahnenkampf zweier Alphatiere

Gleich zu Beginn des ersten Teils kommt die CIA irgendwo am Hindukusch nämlich in den Besitz einer konspirativen Festplatte, die das Schlimmste befürchten lässt: einen Angriff auf Amerikaner dort, wo sie leben. Die USA. Im Kampf gegen den anschwellenden Islamismus jener Tage vor 20 Jahren liefert der Fund demnach genug Munition für ein gemeinsames Vorgehen aller Sicherheitskräfte der bedrohten Nation – würde ihn die verschwiegene Einheit des CIA-Antiterrorkämpfers Martin Schmidt denn mit der Konkurrenz vom FBI teilen.

Er tut es nicht und gießt somit Öl ins Feuer einer fatalen Fehde: Auslands- vs. Inlandsgeheimdienst, Martin Schmidt gegen John O’Neill. „Fuck the Motherfucker“, schimpft letzterer über ersteren, worauf ihm sein Mitarbeiter berichtet: „Schmidt sagt dasselbe über Sie!“

Es ist ein Hahnenkampf zweier Alphatiere, den seine Darsteller da vollführen. Auf der einen Seite Jeff Daniels, der seinem FBI-Haudegen eine breitbeinige, aber sachorientierte Virilität verleiht, die Peter Sarsgaard als dessen arglos dreinblickender CIA-Bürokrat – der real Michael Scheuer heißt – durch skrupellosen Machtwillen kontert.

So geht „The Looming Tower“ weit über eine Fiktionalisierung all jener Eitelkeiten und Fehler hinaus, die 9/11 trotz aller Erkenntnisse nicht verhindert haben. Denn nach Dan Futtermans Drehbuch zeichnet der Dokumentarfilmer Alex Gibney vor allem ein Porträt exekutiver Macht, das besonders männliche Egos ineinander rasseln lässt wie Wapiti-Hirsche bei der Brunft. Und wie schon bei „Homeland“ sollte man sich als Zuschauer nie auf sein Gefühl verlassen, wer hier Täter ist, wer Opfer.

John O’Neill nämlich vögelt sich, der Midlife-Crisis nahe, durch die Betten New Yorks, bringt zwischendurch die Kinder ins Bett, nur um am nächsten Tag Sicherheitspolitik zu machen, die er im Gegensatz zu Schmidt alias Scheuer nicht für Einzel-, sondern Teamsport hält. Daran ist er übrigens dort zugrunde gegangen, wo ihm ein Anschlag nachweislich denkbar erschienen war. Verschwörungstheoretiker aufgepasst!

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