Treffen mit Alfred Biolek : Mit sich im Reinen

„Ich genieße das Alter“, sagt Alfred Biolek. Eine Begegnung mit dem 84-jährigen Ex-Moderator und seinem Adoptivsohn.

„Sie sind noch nicht tot, Herr Biolek, reden Sie nicht so viel davon“, hagelte es Kritik, nachdem sich Alfred Biolek mit Blick auf seine 84 Jahre öffentlich mit dem Thema Tod beschäftigt hatte. Dass er wieder Interviews gibt, hat einen anderen Grund.
„Sie sind noch nicht tot, Herr Biolek, reden Sie nicht so viel davon“, hagelte es Kritik, nachdem sich Alfred Biolek mit Blick auf...Foto: dpa

Kann man im hohen Alter glücklich sein? Alfred Biolek findet schon. Das gemeinsame Kochen, das Essen in Gesellschaft, „das schätze ich nach wie vor sehr“, sagt er. Bedeutet das für ihn Glück? „Wenn alles klappt, dann ist es Glück. Wenn das Essen gut ist, dann ist es Glück. Aber sonst ist Glück etwas komplizierter.“

Auch mit dem Alltag ist es wohl etwas komplizierter geworden für den 84 Jahre alten Alfred Biolek, der vor acht Jahren so schwer auf der Treppe gestürzt war, dass er zeitweilig im Koma lag. Nun setzt er am Arm seines Adoptivsohns Scott Biolek-Ritchie langsam einen Fuß vor den anderen. Weit muss er nicht gehen, das Interview findet in einem Restaurant statt, das direkt neben seiner Kölner Wohnung liegt. Biolek hat keinen Stammplatz, aber einen Stammstuhl, mit Armlehne.

Die Zeichen des Alters sind unverkennbar, er spricht langsamer als früher und manchmal muss sein Adoptivsohn bei der Erinnerung etwas nachhelfen. Aber die Sorge, sich hier einem alten Mann als Reporter ungebührlich aufzudrängen, verfliegt schnell. „Du bist gut drauf heute“, sagt Scott irgendwann anerkennend.

Vor allem wirkt Alfred Biolek, der 1946 als Flüchtlingskind aus Schlesien nach Schwaben kam, der Jura studierte und 1962 promovierte, der es in der ZDF-Rechtsabteilung nur wenige Tage aushielt und lieber in die Programmabteilung wechselte, den es immer auf die Bühne und vor Publikum drängte, der seine Homosexualität schließlich offen lebte, aber öffentlich ungefragt von Rosa von Praunheim geoutet wurde, der über Jahrzehnte das Unterhaltungsfernsehen geprägt hat, dieser alt gewordene Alfred Biolek wirkt nun gelassen, in sich ruhend, mit sich im Reinen.

Er war der freundliche TV-Gastgeber par excellence. Und: Er hatte sie alle. Zwischen 1976 und 2007, vom Beginn des „Kölner Treffs“ bis zum Ende von „alfredissimo“, plauderte, scherzte und kochte er mit Zeitgenossen aller Art, immer bemüht um eine zugewandte, angenehme Gesprächsatmosphäre, die es seinen Gästen ermöglichen sollte, freier, lockerer – und somit unterhaltsam – vor der Kamera zu agieren.

Allein im wöchentlichen „Boulevard Bio“-Talk (1991–2003) empfing er in 485 Ausgaben 1600 Gäste, darunter den Dalai Lama und Bundeskanzler Helmut Kohl, der sich das erste Mal in eine Talkshow traute – und zu Recht davon ausgehen durfte, von Alfred Biolek nicht „gegrillt“ zu werden, wie man heute sagen würde.

Ob das was mit dem von Biolek angeschobenen Kochfernsehzeitalter zu tun hat, sei mal dahingestellt. Auf seine lange Karriere ist Biolek jedenfalls hörbar stolz. Dass er vergangenen Zeiten nachtrauert, lässt sich nicht behaupten. „Ich erinnere mich gerne daran“, sagt Biolek, „aber jetzt ist das vorbei, und ich bin auch alt.“ Deprimiert klingt er dabei ganz und gar nicht, im Gegenteil. Als er kürzlich noch einmal im „Kölner Treff“ bei Bettina Böttinger zu Gast war, sagte er wörtlich: „Ich genieße das Alter.“ Zu dem Genießen, ergänzt er, gehöre auch die Erinnerung.

"Die waren super happy.“

Diese Fähigkeit musste er sich allerdings nach seinem Sturz erst wieder neu erarbeiten. Weil ihm die üblichen Übungen nicht gefallen hätten, erzählt Scott, sei die Ergotherapeutin auf die Idee gekommen, Rezepte aus seinen Kochbüchern auszusuchen, gemeinsam einzukaufen und zu kochen. „Dann hat die Station und haben die Ärzte einmal in der Woche ein Mittagessen von Alfred Biolek bekommen. Die waren super happy.“

Biolek selbst erinnert sich daran nicht mehr. „Das war ja in der Zeit, in der ich ziemlich daneben war.“ Der Gedächtnisverlust sei sehr stark gewesen, „aber alles kam wieder zurück“, sagt er und fügt schmunzelnd hinzu: „Soweit ich mich erinnern kann.“ Scott lacht und bestätigt: „Genau.“ Den Humor hat sich Alfred Biolek jedenfalls bewahrt. Abends zappe er durchs Fernsehprogramm, ohne sich lange bei einem Programm aufzuhalten. Biolek: „Wenn ich dranbleibe, besteht die Gefahr, dass ich die Sendung ganz sehe und sie dann mit meinen vergleiche.“ Könnte sein, dass er den Vergleich ab und zu gewinnt, aber auf einen Kommentar zur aktuellen Fernsehqualität verzichtet er lieber. Biolek ist raus und akzeptiert das.

Dass er überhaupt noch einmal Interviews gibt und sich ins WDR Fernsehen einladen lässt, hat ohnehin mit dem üblichen Umstand zu tun, dass es etwas zu verkaufen gilt: Das Buch „Die Rezepte meines Lebens“ (2007) wurde vom Tretorri-Verlag neu aufgelegt. Das habe ihn noch einmal „aktiviert“ und „inspiriert“, sagt Biolek munter. Das großformatige, fast zwei Kilo schwere, schick aufgemachte Buch mit mehr als 600 Rezepten (480 Seiten, Preis: 29,90 Euro) als Vermächtnis zu bezeichnen, findet er dann aber doch übertrieben.

„Unter einem Vermächtnis stelle ich mir schon etwas anderes vor als ein Kochbuch.“ Zwei Euro vom Erlös jedes verkauften Buches gehen an die Deutsche Stiftung für Weltbevölkerung, eine private Entwicklungsorganisation, sagt Scott. Biolek hatte einst selbst eine Stiftung gegründet („Hilfe für Afrika“) und war von den Vereinten Nationen zum Sonderbotschafter für Weltbevölkerung ernannt worden. Aber an Reisen nach Afrika ist nun ebenfalls nicht mehr zu denken.

Ob noch bedeutende Wünsche unerfüllt seien?

Auf seine alten Tage ist Biolek doch noch einmal angeeckt. In einem „Bild“-Interview Anfang September hatte er erklärt: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Wenn er kommt, dann kommt er.“ Keine große Sache eigentlich, mit 84 kann man sich wohl mal mit dem Thema beschäftigen. Doch vom Tod öffentlich zu sprechen, habe man ihm übel genommen, erklärte Biolek dann im „Kölner Treff“.

Wer? Bekannte, Freunde, Leute auf der Straße, berichtet Scott: „Köln“, sagt er nur, als erkläre das alles. Dabei sind die herzlichen Kölner eigentlich nicht so fies, nur ein bisschen direkt und ein bisschen ungenau. Also war der Tenor („Sie sind noch nicht tot, Herr Biolek, reden Sie nicht so viel davon“) vielleicht auf kölsche Art einfach nur gut gemeint. Alfred Biolek findet es dennoch „absurd, dass die sich aufregen, weil, die müssen ja auch sterben“. Für ihn selbst sei der nahende Tod „eine entspannte Sache“. Er werde kommen, „ob morgen oder übermorgen. Hätte ja auch schon gestern sein können, dann säßen wir jetzt nicht hier“. Aber das sei okay, „ich bin ja noch fit“.

Am Arm von Scott geht es wieder heim. Dort wartet ein Mitbewohner, „der kocht sehr häufig für mich“, sagt Alfred Biolek, der selbst nur noch beim Schnippeln hilft und der im Alter mehr Lust auf Süßes hat. Vor allem auf Käsekuchen. Gäste und Freunde empfängt Biolek, der einige Jahre lang in Berlin lebte, mit Dieter Kosslick und Klaus Wowereit befreundet ist und regelmäßig große Runden in seiner Wohnung und auf seiner Terrasse in Prenzlauer Berg bewirtete, aber immer noch. Wann er denn glücklich sei? „Wenn ich keine Wünsche mehr habe, wenn das, was ich mir vorgenommen habe, auch passiert ist.“ Wie oft das geschehe? „Schwer zu sagen – immer wieder.“ Ob noch bedeutende Wünsche unerfüllt seien? „Nein“, sagt Alfred Biolek bestimmt.

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