Auch offline gibt es kein Entrinnen

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Trennung von Facebook : "Du kannst doch nicht einfach abhauen"

1200 Freunde. Es dauert immer länger, alle Einträge im Feed zu verfolgen. Man könnte natürlich nur die Hauptmeldungen lesen, aber wenn schon, denn schon. Bernd Eichinger stirbt. Mehr R.I.P. war nie. Was für ein Verlust. Schrecklich. Viel zu früh. Tierbilder, Kochrezepte und allzu dreiste Produktempfehlungen – Wer damit nervt, fliegt raus. Hin und wieder fliege ich ebenfalls irgendwo raus und beginne zu grübeln; Habe auch ich zu viel genervt? Habe ich etwas Dummes gesagt? Neuerliche Scham.

Bildergalerie: Wie bei Facebook gearbeitet wird

Wie bei Facebook gearbeitet wird
Der Mega-Börsengang von Facebook fachte den Internet-Goldrausch an. Der monumentale Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar, die atemberaubenden Gewinne für frühe Investoren - all das zeigte tausenden Jungunternehmern und Startup-Geldgebern, wie ihr Traum zur Wirklichkeit werden kann. Dann stürzte die Aktie ab. Doch wie wird der Wert hinter dem Papier erarbeitet?Weitere Bilder anzeigen
1 von 30Foto: Matt Harnack / Facebook
18.05.2012 17:34Der Mega-Börsengang von Facebook fachte den Internet-Goldrausch an. Der monumentale Börsenwert von mehr als 100 Milliarden Dollar,...

Die Unruhe steigt: Weniger als zwanzig Likes für einen bedeutenden Post versetzen einen sanften Stich. Facebook versteht mich nicht. Trotz stellt sich ein. Schnell noch einen Post nachlegen, nicht ohne den alten doch lieber schnell wieder zu löschen – soll bloß niemand denken, ich hätte sonst nichts zu tun. Vielposter sind suspekt. Mir wenigstens. Facebook hat sich verändert. Im gesamten Feed findet sich oft nichts wirklich Lustiges. Oder Interessantes. Auch eine Stunde später nicht, eine weitere Viertelstunde später auch nicht. Facebook wiederholt sich.

Ich brauche ein wenig Abstand. Nicht mit dir und nicht ohne dich. Also die Lässigkeit der Gelegenheitsposter zurückgewinnen. Nach sechs Wochen Trennung auf Probe kehre ich entspannt zurück. Doch schon rasch nervt, wie rasch ich mich wieder nerven lasse.

In der Ukraine werden Hunde gefoltert. Das stört etliche meiner Freunde sehr. Ganzkörperfotos bekommen im Schnitt drei Mal so viele Likes wie Porträts. Adam Yauch stirbt viel zu früh. Der Panflötenspieler macht einen neuen Vorstoß. Etliche Freunde stören die Leute, die sich an der Hundefolter stören. Einen Freund stört die Seite der NPD. Sie hat 11 000 Fans und vermeldet Aktuelles zu Beate Zschäpe, 32 Likes.

Auch offline gibt es kein Entrinnen. Im Kino verfasst und kommentiert man neben mir bei laufendem Film fortwährend Statusmeldungen. Beim Pärchenabend zitieren Pärchen, was sie einander gepostet haben, kein Meeting ohne die markige Forderung man müsse „unbedingt was mit Facebook machen“.

An einem Sonntagmorgen im Mai habe ich Facebook für immer verlassen. Für Facebook war ich eine von 900 Millionen. Irgendwie hatte ich dennoch gedacht, das mit uns sei etwas Besonderes. Mehr als ein Zeitkontingent zwischen einem Algorithmus und einer Userin. Ein Mädchenfehler, das gebe ich gerne zu.

Freunde reagieren bedauernd bis schockiert auf die Trennung. Du kannst doch nicht einfach abhauen. Eine weint am Telefon.

Ich verbringe die Spiele der EM ohne Second Screen und kann meinen zwischenzeitlich erfolgten SPD-Austritt nicht mehr gezielt verschweigen. Ich vermisse Peter Glasers Preziosen und lasse mich auf einen kompensatorischen Racheflirt mit eBay ein. Ich verpasse die Pannenkalauer zum BER ebenso wie die R.I.Ps für Susanne Lothar, die Solidaritätsvermummung für Pussy Riot und Interna zu schwedischen Ghostwritern.

Es ist erleichternd, Facebook nicht ständig gefallen zu wollen. Ganz allmählich verliert die freiwillige Selbstformatierung an Kraft, löst sich der Meinungsfilm von den Tagen. Wären wir noch zusammen, hätte ich in diesen Tagen sicher ausführlich darüber nachgedacht, Devos „Mongoloid“ hochzuladen. So aber packe ich die Debatte um Gentests auf Down-Syndrom stumm zwischen mich und meine Zweifel.

Und wenn mir bisweilen Facebook-Novizen so unverlangt wie ausführlich erklären, wie locker sie das alles handhaben, ab und zu mal reingucken, nur Freunde annehmen, die sie auch auf der Straße erkennen und überhaupt, wie praktisch ... nicke ich freundlich und sage: Ich hatte bereits das Vergnügen.

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