TV-Drama mit Sophie von Kessel : Stalk im Nacken

Nichts wie ran an den Feind: Ein ZDF-Psychothriller zum Thema Stalking verhaftet trotz sehr guter Darsteller im Klischee.

Nikolaus Festenberg
Unsichtbare Blicke. Nach dem Erhalt der mysteriösen Nachrichten ihres unbekannten Stalkers fühlt sich Eva Kormann (Sophie von Kessel) verfolgt.
Unsichtbare Blicke. Nach dem Erhalt der mysteriösen Nachrichten ihres unbekannten Stalkers fühlt sich Eva Kormann (Sophie von...Foto: ZDF und Hendrik Heiden

Eva ist allein zu Haus. Mit den Männern scheint es aus. Der Ex-Gatte (Fritz Karl) hat gerade sein Surfbrett aus dem Keller des ehedem gemeinsamen Hauses abgeholt. Er wird weitergleiten, von einer Geliebten zur nächsten, ohne Rücksicht auf Treue. Dabei bräuchte die Ehefrau gerade jetzt einen verlässlichen Beschützer: vor Spinnen, vor Rosenstraußgeschenken dunkler Herkunft, vor Edith Piaf, die aus dem Telefon mit unterdrückter Anruferkennung „La vie en rose“ schmettert.

Besonders aber vor lüsternen Fotos, die ein heimlicher Beobachter von ihr unter der Dusche gemacht hat und die im Briefkasten liegen. Dazu die Schulwirklichkeit. Ein Schüler fragt Eva, ob er seine Sexphantasien zum Aufsatzthema machen darf. Und der daueranzügliche Lehrerkollege (Matthias Koeberlin) – ist der wirklich so lächerlich harmlos, wie ihn Eva bisher eingeschätzt hatte?

Der österreichische Regisseur Johannes Fabrick („Ein langer Abschied“) ist ein Meister im Fach sensible Trauerarbeit im Fernsehen. Nun begibt er sich mit „Du bist nicht allein“ auf die raue See des Thrillers. Stalking – vom englischen Wort „stalk“ für Stock, ursprünglich ein Instrument bei den Jägern, um Beute aufzustöbern – entfaltet er nach den Regeln des Genres als moderne Psychoseuche, die ihre Opfer wahnsinnig macht. Es gibt bald nichts mehr, was bei Eva nicht das Gefühl der Bedrohung auslöst.

Außer den Spinnen und den Rosen ist es in ihrer Nähe der neue Nachbar von Gegenüber. Immer im Unterhemd, immer dieser stiere Blockwartsblick. Etwas frisst Eva auf, verschlingt die intellektuelle Sicherheit der Gymnasiallehrerin. Da kann auch eine Geistesgröße wie Camus – sie nimmt den existenzphilosophischen Einsamkeitsheroen im Unterricht durch – wenig ausrichten.

Sieh’ doch die Blicke anderer Männer

Aus der Krise hilft der Frau da auch nicht die beste Freundin Britta (Anna Schäfer) – das ist sonst ja im TV-Gewerbe ein verlässlicher Rettungsanker aus weiblicher Verzweiflung. In „Du bist nicht allein“ aber kommen deren weibliche Trostversuche wie Phrasen aus den Lautsprechern von Partnerschaftsagenturen daher. „Hab’ Spaß“ sagt die Frau zur Frau. Sieh’ doch die Blicke anderer Männer, nichts wie herauf auf die hohen Pumps, nichts wie ran an den Feind. Hilft aber nichts, wenn das verletzte Selbstbewusstsein Zeit zum Wiederfinden einer seelischen Mitte braucht.

Da taucht Evas alter Lover Tom (Marcus Mittermeier) auf. Nach 15 Jahren. Sie hatte ihn damals geliebt, er war ohne Erklärung zu einer anderen gewechselt. Sie hatte sich die Augen ausgeweint und sich dann mit ihrem heutigen Ex zusammengetan. Tom wurde auch nicht glücklich. Er hatte nicht begriffen, dass seine Neue aus ihm, dem Wissenschaftler, mehr machen wollte, als er leisten konnte. Die Sehnsucht nach der Verlassenen kam zurück und konnte ins Unrealistische wachsen, da Tom nichts unternahm, um sich bei Eva zu melden. Dann folgte die Entlassung Toms aus der Leistungsehe.

Scham, Angst und Schuld versperrten den offenen Rückweg zu Eva. Tom ging auf die Pirsch nach dem Objekt seines Begehrens, um den richtigen Moment herauszufinden, sich Eva zu zeigen. Die offenbart ihm, dass sie von einem Stalker gequält wird. Tom verschweigt ihr seine eigenen Nachstellungen, bietet sich als Helfer an. Seine Tarnung fliegt aber auf. Eva ist verunsichert, sie hat sich auf den treulos Verschollenen nach Zögern eingelassen, und was nun?

Eine spannende Konstellation, um exzellente Darsteller wie Sophie von Kessel und Marcus Mittermeier zeigen zu lassen, was sie können und wie sie einen Thriller zum Psychodrama veredeln. Leider aber sitzt den Verantwortlichen der Stalk im Nacken und sie verlegen sich aufs Whodunit, auf einen Schlag mit dem Stock auf die Raffinesse.

Wer war’s? Kein Verrat, wenn man den platten Schluss verrät: Ein Muttersöhnchen, eine Chabrol-Karikatur, eine Figur aus dem Krimi-Lego. Der Zauberkasten mit den Aporien des Begehrens bleibt leider verschlossen.

„Du bist nicht allein“, Montag, ZDF, 20 Uhr 15

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