TV-Krimi "Reich oder tot" : Zwei gegen den Rest

Lars Becker setzt die Cop-Geschichte mit Fritz Karl und Nicholas Ofczarek fort. Ihre Polizisten Kessel und Diller haben eine ganz eigene Auffassung von Recht und Gesetz.

Nicht immer ganz korrekt: die beiden Hamburger Polizisten Kessel (Fritz Karl, links) und Diller (Nicholas Ofczarek).
Nicht immer ganz korrekt: die beiden Hamburger Polizisten Kessel (Fritz Karl, links) und Diller (Nicholas Ofczarek).Foto: ZDF/Marion van der Mehden

Diller und Kessel zum Dritten: Die Freunde tun immer noch alles füreinander, manchmal auch Dinge, die mit ihrem Beruf ganz und gar nicht vereinbar sind. Denn die beiden sind bei der Polizei, zwei Hamburger Großstadtbullen, die das Gesetz mal hüten, mal brechen – nicht nach Gutdünken oder aus Böswilligkeit, sondern wie es die Lage eben erfordert. Kessel ist der Getriebene, der aus Sorge um seine an Epilepsie erkrankte Tochter Drogengeld unterschlagen hatte und selbst süchtig wurde. Das Geld für die notwendige Operation in den USA fehlt immer noch. Immerhin ist Kessel mittlerweile clean und entschlossen, um seine Ehe mit Claire (Jessica Schwarz) zu kämpfen. Diller ist nach wie vor der Kumpel, der ihn vom gröbsten Irrsinn abzuhalten versucht – oder sich zur Not daran beteiligt. Zwei Typen also, die dem Genre des deutschen Polizeifilms, sofern er nicht auf Schlips, Kragen und korrekte Ermittlungsarbeit Wert legt, zur Ehre gereichen.

„Reich oder tot“ ist – nach der Georg-M.-Oswald-Romanverfilmung „Unter Feinden“ (2013) und dem Prequel „Zum Sterben zu früh“ (2015) – Lars Beckers dritter Film mit Fritz Karl (Kessel) und Nicolas Ofczarek (Diller) in den Hauptrollen, was an sich schon ein Vergnügen ist. Dass beide Schauspieler Österreicher sind, hört man (fast) nicht und stört deshalb am Spielort Hamburg nicht weiter. Außerdem passt das österreichische Talent für boshaft überdrehte Figuren ganz gut zu den aberwitzigen Plots und vorzüglichen Dialogen des Autors und Regisseurs Becker. Das Publikum kann wie in seinen „Nachtschicht“-Filmen nur selten ahnen, mit welcher Wendung Becker die Sache nun wieder vorantreibt. Sicher ist meist nur: Es kann nicht gut gehen. Die Helden reiten sich gerne immer tiefer in den Schlamassel.

Hier nun beginnt alles mit einem Banküberfall. Mohammed (Sahin Eryilmaz), ein alter Bekannter von Diller und Kessel, hat als Möbelhändler wenig Erfolg und heuert deshalb zwei Komplizen an, um in der Bank abzukassieren. Das Unheil nimmt seinen Lauf: Kurz vor dem Überfall betritt Kessels Frau Claire mit Tochter Ruby (Cya Emma Blaack) die Bank, um doch noch einen Kredit für die erforderliche OP zu erhalten. Auch Diller und Kessel, die von Mohammeds Frau einen Tipp erhielten, platzen mitten hinein in den Überfall. Ein Angestellter wird erschossen und Ruby als Geisel genommen, allerdings nur bis zu einer Kreuzung ein paar Straßen weiter. Da hat Fluchtfahrer Mohammed schon Rubys Freilassung gegen seine Komplizen durchgesetzt. Ein Toter, ein Polizistenkind als Geisel – das ist eindeutig zu viel für Mohammed, den ehemaligen Salafisten, der doch nur das Geld wollte, aber keinen Ärger. Man muss sie einfach mögen, diese komischen, widersprüchlichen Becker-Typen.

Wieder dabei: Martin Brambach und Melika Foroutan

Auch wieder dabei: Martin Brambach als Vorgesetzter von Diller und Kessel sowie Melika Foroutan als Kopftuch tragende Staatsanwältin Soraya, die eigentliche Gegenspielerin der beiden Polizisten. Sie ist die unbestechliche Vertreterin des Rechtsstaats und zugleich die starke, schlagfertige Frau, die einem solchen Film voller Testosteron guttut. Soraya weist Mohammeds religiöse Anbiederung ebenso schroff zurück („Wie kommen Sie darauf, dass ich Ihre Schwester bin?“) wie sie anzüglichen Männerbemerkungen über das Aussehen von Frauen mit Kopftüchern die Stirn bietet. Bemerkenswert, dass hier einmal kulturelle Fragen mit dem Thema sexueller Belästigung verknüpft werden.

„Reich oder tot“ teilt aber auch das Schicksal mancher Filme, die als Fortsetzungen erfolgreicher Vorgänger aus dem Hut gezaubert werden. Warum es Soraya so beharrlich auf Kessel abgesehen hat, erklärt sich eigentlich nur aus den früheren Filmen. Überraschend sind außerdem die privaten Wendungen der Geschichte, mit denen Lars Becker die Schraube weiterdreht. Diller betrügt seine Frau Emma (Anna Loos) – und Kessel – mit Claire. Dabei geht streckenweise die besondere Spannung verloren, die bisher auf dem klaren Genre-Rezept beruhte: Zwei, die mit dem Rücken zur Wand stehen, gegen den Rest. Trotzdem könnte es noch eine Weile so weitergehen, Qualität ist genug vorhanden. Aber vielleicht beendet man die Sache besser jetzt, ehe aus Diller und Kessel noch stinknormale Reihen-Helden werden.

„Reich oder tot“; Arte, Freitag, 20 Uhr 15

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