Medien : Ullrich gegen Beckmann

NDR: Umstrittene Talkshow bleibt im Programm

Marc Felix Serrao

Wer nach der „Beckmann“-Sendung am Montag gedacht hatte, der ehemalige Radprofi Jan Ullrich könnte sich nicht noch mehr blamieren, hat sich geirrt. Wie „Bild“ gestern berichtete, hat Ullrich vor der Ausstrahlung der ARD-Talkshow vergeblich versucht, Einfluss auf deren Inhalt zu nehmen, und sich danach bemüht, eine TV-Wiederholung zu verhindern. Nach Angaben des NDR verlangte sein Management nach der Aufzeichnung, den kompletten Fragenkomplex zum Thema Doping herauszuschneiden. Zudem sollte der Kommentar des zugeschalteten Doping-Experten Hajo Seppelt erheblich gekürzt werden.

Der NDR, der die Sendung betreut, wies die Vorwürfe Ullrichs zurück, die „Beckmann“-Redaktion habe ihn unfair behandelt. „Wer in eine Talkshow geht, der muss mit Fragen rechnen“, sagte NDR-Fernsehdirektor Volker Herres. Davon, dass Themenkomplexe vorher für tabu erklärt worden seien, könne keine Rede sein. Ebenso sei kein „Gegensehen“ der Sendung vereinbart worden.

Jan Ullrich, der vor zehn Jahren als erster Deutscher die Tour de France gewann und letztes Jahr wegen Dopingverdachts kurz vor dem Rennstart gesperrt wurde, wollte sich bei „Beckmann“ erstmals im Fernsehen zu seinem Karriereende äußern. Nach einer turbulenten und von vielen als selbstgerecht kritisierten Rücktrittserklärung am Montagmittag hoffte er vermutlich, sich mit dem abendlichen Fernsehauftritt als zu Unrecht verfolgtes Kampagnenopfer präsentieren zu können. Beckmann, hat sein Beraterstab vielleicht gedacht, das ist ein Schmusetalker, da kann nichts passieren. Doch in dieser starken Stunde des Fernsehjournalismus wurde Ullrich von seinem Gastgeber regelrecht „gegrillt“. Am Ende war das immer hektischere Rechtfertigungs-Gestammel von Ullrich kaum noch auszuhalten.

Laut NDR gab es am Sonntag ein Vorgespräch, an dem neben Jan Ullrich und Moderator Reinhold Beckmann auch Ullrichs Management teilnahm. Dabei sei dem Gast mitgeteilt worden, dass es in dem Interview auch „kritisch“ um das Thema Doping gehen würde.

Nachdem die fragliche Sendung nun bereits in vier Dritten Programmen ausgestrahlt wurde, steht heute um 10 Uhr 15 noch die Wiederholung bei 3 sat an. Johannes Dicke, Planungschef des Senders, zufolge lag bis Redaktionsschluss dieser Zeitung keine gerichtliche Verfügung gegen die Ausstrahlung vor: „Die Sendung läuft, wie geplant.“

Es ist mehr als verständlich, dass Jan Ullrich seinen TV-Auftritt vom Montag nicht noch einmal sehen möchte. Und es ist gut, dass alle anderen das trotzdem können.

Die Sendung im Netz:

www.daserste.de/beckmann

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