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Urheberrechtstreit : Seid endlich ehrlich!

So sehr eine solche Neujustierung zunächst die Gräben vertiefen würde: Es würde auch zu etwas führen, das man analog zum Terminus „Versachlichung“ eine „Verehrlichung“ der Debatte nennen könnte. Die Fürsprecher des freien Internets wären aufgefordert, ihre schwammige „Das wird schon alles wieder werden mit eurem Geld“-Haltung aufzugeben. Sie müssten dann sagen: Ja, wir nehmen billigend in Kauf, dass es bestimmte kulturelle Darreichungsformen in Zukunft schwer haben werden. Wir nehmen in Kauf, dass Urheber einen Großteil ihrer Zeit damit verschwenden, Finanzierungen für einzelne Projekte anzuleiern – zumindest in einer Übergangszeit, in der die alten Verwerter aus dem Spiel, aber neue Organisatoren professionellen Kulturschaffens sowie politische Mehrheiten für das bedingungslose Grundeinkommen und die Kultur-Flatrate nicht in Sicht sind. Wir nehmen in Kauf, dass dann noch mehr als jetzt die findigen Vermarkter bevorzugt werden – und nicht die, die wirklich einzigartig schaffen und schöpfen. Es gibt darüber hinaus keinen Grund anzunehmen, dass das Netz auf Dauer und aus sich heraus „klassische“ Kategorien wie Buch, Album, professionelles Künstlertum oder auch bezahlten Journalismus unterstützt. Vor dem Hintergrund der Art, wie wir Medien nutzen – nämlich nicht als Rezipienten, sondern als nimmermüd’ kommunizierende Kultur-Prosumer – können wir dazu nur sagen: Warum auch?

Die Bewahrer klassischer Künste und Publikationsformen könnten sagen: Ja, es stimmt! Weil wir wollen, dass an der Verlagskultur gewachsene Einheiten wie Buch, Album, Künstler, Journalist e.a. fortbestehen, nehmen wir in Kauf, uns bezüglich des Internets reaktionär zu verhalten. Und zwar, indem wir seine Freiheit zugunsten einer be- und errechenbaren Entlohnung unseres Schaffens und damit auch seiner Ermöglichung einschränken lassen wollen. Wir wissen, dass wir uns damit konservativ gegen die Logik der größten medialen und damit auch ästhetischen Revolution unserer Zeit wenden. Uns ist bewusst, dass wir damit den Anspruch aufgeben, als Schöpfer von Neuem uneingeschränkt Avantgarde zu sein – kulturgeschichtlich eine neue Rolle für uns. Als Schöpfer von Werken müssen wir dem Werkvernichter Internet aber sagen: Bis hierhin. Und nicht weiter! Was wir unter Kultur verstehen, funktioniert nicht als Open-Source-Modell.

Das wäre so wunderbar ehrlich – und am Ende käme man so endlich auch zu ehrlichen Fragen: Wie viel von der Kultur des Internets ist man bereit, zugunsten klassischer Kulturerzeugnisse zu opfern? Und welche klassischen Kulturerzeugnisse sind in einem Zeitalter, dessen Gegenwart maßgeblich im Netz geschaffen wird, verzichtbar?

Das alles wäre natürlich nicht ergebnisorientiert. Es würde keine juristische Lösung für das Problem nahelegen, wie der Schutz von Inhalten im Netz gewährleistet werden kann, ohne die Persönlichkeitsrechte der Nutzer zu gefährden. Letztlich wäre es aber die einzig mögliche Grundlage für eine konstruktive kulturelle Debatte, ehrlich anzuerkennen, dass das Privilegieren einer Kultur in diesem Fall die jeweils andere in ihrem Dasein gefährdet. Erst von hier aus ließe sich weiterdenken: welche Rolle klassisches Urhebertum im Verwertungszusammenhang des Netzes haben könnte; inwieweit man sich mit Regularien gegen die mediale Logik des Internets stellen muss, um zu bewahren; inwieweit andererseits ein neues, kollaboratives Künstlertum im Netz zu fördern wäre. Das Krawall-Potenzial dieser Debatte wäre eher gering, vorausgesetzt, beide Seiten und all jene, die sich irgendwo dazwischen verorten, sprechen den jeweils anderen eine Daseinsberechtigung im Hier und Jetzt zu. Die Scheindebatte über skrupellose Downloadkids hier und geldgeile Rechteverwerter dort ist deutlich einfacher zu führen. Ergebnisorientiert ist sie jedoch noch viel weniger, allen konkreten Forderungen nach einer Urheberrechtsreform zum Trotz, die beide Seiten mit ihren Polemiken verbinden. Schlimmer noch: Sie wird es in der jetzigen Form nie sein – weshalb auch weiter nichts zu sagen bleibt.

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