• Zukunft von ARD & Co.: Was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zeiten von Fake News leisten muss

Zukunft von ARD & Co. : Was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zeiten von Fake News leisten muss

Nicht, was der Rundfunk sich leistet, steht in Zeiten von Fake News in Frage, sondern was er leistet. Ein Kommentar

Norbert Schneider
Wer, was, wo, wann, wie, warum, woher? Die journalistischen W-Fragen müssen weiter als Leitlinie für die Arbeit gelten.
Wer, was, wo, wann, wie, warum, woher? Die journalistischen W-Fragen müssen weiter als Leitlinie für die Arbeit gelten.Foto: AFP/Saul Loeb

Es gibt Momente, in denen man dem Lauf der Dinge nicht weiter folgen, sondern der Klarheit wegen hinweg über all das Drauf und Drin und Drum und Dran einer Sache (oder auch einer Person) den Weg zurück auf „Los!“ gehen muss. So wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich im politischen Gestrüpp von EU und Föderalismus verlaufen hat.

Bezogen auf seinen aktuellen Zustand und die anschwellende grundsätzliche europaweite Infragestellung dieses Mediums ist es derzeit zweitrangig, immer wieder dieses oder jenes Format, diesen oder jenen Moderator, einen neuen Dienst oder den unstatthaften Gebrauch des Dativs zu kritisieren. Man sollte stattdessen tief durchatmen, zurück auf „Los!“ gehen, und den Versuch machen, die Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks möglichst blank von den üblichen Zutaten propagieren.

Er ist eine geniale Erfindung des Gesetzgebers (mit Hilfe der Alliierten) nach dem Zweiten Weltkrieg. Er muss antreten gegen alle Einwände, Vorurteile und Ressentiments und zugleich alle reflexhaften Apologien und Heiligsprechungen zurückstellen. Nicht, was der Rundfunk sich leistet, steht in Frage, sondern was er leistet. Leisten sollte. Weshalb er solange unverzichtbar ist, als es nichts Besseres gibt.

In der Frühzeit waren die Priester Vertrauenspersonen

Zurück auf „Los!“ führt weit zurück. Zurück bis zu den großen Menschheitsmythen, deren Eigenart ein Amalgam aus viel Schein und ein bisschen Sein ist, aus „Wahrheit“ und Täuschung, mit den Worten von heute: ein Gemisch aus wenig News und viel Fake. Im Mythos verbirgt sich ein harter historischer Kern unter einer dicken Schale von Träumen und Phantasien, die große Erzählung unter den kleinen. Beides zu trennen, zu unterscheiden – krinein sagten die Griechen! – wird zu einer der fundamentalen Kommunikationsleistungen der Menschheit. Das Ziel ist: aus den Strängen der Erzählung zu extrahieren, was den Gang der Dinge bestimmt und was ihn (nur) bestimmen könnte.

In der Frühzeit der Menschheit Sache der Priester. Ihnen vertrauen die Menschen vertraut. Ihr Image als Welterklärer und Gottesdeuter lebt von der Glaubwürdigkeit ihrer Akteure. Das ändert sich auch nicht, als die Erzählungen und mit ihnen die Fakes und die News anschwellen. Die Philosophen lösen die Priester ab, die Spindoktoren der großen irdischen Herrscher mit ihren himmlischen Göttern, die sie sich vorsichtshalber noch gehalten haben; später mit ihrem dreieinigen Gott.

Real ist, was der Imperator dafür hält (was einem heute bekannt vorkommt!), der von Rom, der Kaiser von Byzanz, die großen Theologen. Augustin, Anselm, Thomas. Über Jahrhunderte sammeln Altar und Thron Fakten und Fakes und teilen dann Wahrheit zu. Sie deuten und herrschen. Bis die Wissenschaft auftritt – wir sind schon im späten Mittelalter. Die Universitäten werden die neuen Institutionen des Vertrauens und sagen an, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Mit dem Buchdruck vervielfacht sich die Menge an Fakes und News noch einmal exponentiell. Rom verliert den Überblick. Luther stößt in die Lücke. Kant klärt auf. Jetzt bilden sich beim Trennen zwischen Schwarz und Weiß Grauzonen zwischen Wissen und Meinen. Gewissheiten fransen aus, es zeigen sich Übergänge zwischen richtig und falsch. Es entstehen eigene Berufe des Sammelns und Deutens: die Publizisten, die Verleger, die Autoren, die Journalisten, Ludwig Börne, Theodor Fontane, Theodor Wolff, neue verlässliche Autoritäten, die sich beim Publikum um die Welterklärung bewerben, Säulen einer „bürgerlichen Öffentlichkeit“ (Jürgen Habermas).

Trennen des Relevanten vom Unwichtigen

Am Ende dieser Entwicklung stehen Presse und Rundfunk. Ihnen wächst die Aufgabe zu, die kleinen, alltäglichen Ablenkungen und die große Erzählung, die Welterzählung, Fakten und Fakes zu ermitteln zu deuten und massenhaft zu verbreiten. Ihre Kernkompetenz ist nicht (wie heute sehr oft) die Produktion von Dingen, die Aufmerksamkeit erzeugen, sondern das Trennen des Relevanten vom Unwichtigen. Mit der Digitalisierung wird alles, Menschen und Dinge, bis auf die nackten Daten als scheinbar unhinterfragbare Einheiten dekonstruiert. Real, so heißt es, sind nur sie, obwohl auch Daten nie etwas anderes sein können als Wackelkandidaten der Wahrheit: Objekte des Prüfens.

Nicht: was blitzt und donnert? ist die Frage. Sondern: Was ist wichtig? Was ist relevant? Was sieht nur so aus, was ist Täuschung, was ist (bewusste) Lüge? Was muss ein Mensch, was müssen Gesellschaften heute aktuell wissen, um beurteilen zu können, wo sie stehen und was zu tun ist? Etwa, wenn es um Nervengift geht oder Atomabkommen, um Gefahren für die öffentliche Ordnung, um das Klima. Oder um Facebook. Regierungen sind befangen. Aktionäre sind Partei. Auch Journalisten sind nicht objektiv, Pächter der Wahrheit – aber sie machen, wenn sie Profis sind, ihre Befangenheit transparent. Zudem arbeiten sie für eine Institution, der man grundsätzlich vertraut.

Damit beschreibe ich – ein, es geht nicht eine Nummer kleiner, hier nicht! – was man vom Rundfunk erwarten muss (und, auf ähnliche Weise, von der Presse). Man darf auch sonst noch manches von ihnen erwarten, aber eben eins nach dem anderen. Das Erste, die Basisleistung wird von der Verfassung ausdrücklich geschützt. Oder durch ein First Amendment. Oder durch die Menschenrechte. Pressefreiheit ist kein Spielfeld für Meinungswillkür. Sie ist das Mittel der Wahl gegen die Realitätsfälscher. Aber sie ist kein Selbstläufer. Sie geht nicht wie das Messer durch die Butter. Sie steht im scharfen Wettbewerb mit Regierungen, mit Lobbyisten, die sich als Faktenvermittler tarnen, mit Orbanisten, übrigens auch mit Evangelikalen wie dem Texaner Robert Jeffres und seinen „Brüdern“, wenn auch nicht denen im Herrn, in USA, in Korea, in Brasilien. Die Konkurrenten sind die, die sich ihre Mythen komplett erst selbst erfinden und dann auch noch selbst deuten. Oder sie im Ministerium für Wahrheit (George Orwell) bestellen.

Um diesen Wettbewerb zu bestehen, braucht man nicht nur Kompetenz. Man braucht Vertrauen. Man braucht Glaubwürdigkeit. Und man braucht auch Geld.

Leistung und Erwartung müssen Konzept bestimmen

Gewiss, das ist eine große Nummer: Um sich ein Bild davon zu machen, wozu eine Gesellschaft und ihre Glieder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (oder eine vergleichbare Institution) brauchen, muss man an diesen elementaren Zusammenhang zwischen mythischem Chaos, Lügengeschichten, Kommunikationslobbyismus, Fake, News und Wirklichkeit von Zeit zu Zeit erinnern. Nur in diesem Horizont mag man dann noch diskutieren, was sonst noch zu sagen wäre, sofern dazu Zeit, Kraft und Geld reichen. Der Zusammenhang von Leistung und Erwartung muss jedes rundfunkpolitische Konzept bestimmen. Das Geschrei von der Lügenpresse ist daher nicht einfach die ehrabschneidende Polemik von Dumpfbacken. Es legt die Axt an die Wurzel.

ARD und ZDF gehören zu den „Priestern des Wirklichen“. Sie brauchen, was Priester immer brauchten: das Vertrauen ihres Publikums. Sie können sich nicht das kleinste Indiz für Publikumsverachtung leisten. Ihr Feind ist der Fake. Jede Aktion, vulgo: jedes Programm muss auch eine vertrauensbildende Maßnahme sein. Das Publikum muss fühlen können, dass alles seinetwegen geschieht. Das ist das einfache und doch ambitionierte Konzept eines staatsfernen und kommerzresistenten Rundfunks. Daraus entsteht Rundfunk als Bürgerfunk.

Vertrauen fällt nicht vom Himmel. Es wächst so langsam wie eine Eiche. Und ist so schnell verspielt wie ein Grand ohne vier. Vertrauen ist nicht das natürliche Resultat von Imagekampagnen. Es ist das Ergebnis einer täglichen Arbeit an den großen und kleinen Erzählungen. Es verbindet sich meistens mit Personen, die man als verlässlich erlebt, mit Friedrichs und Wickert, Scholl-Latour und Weiss; mit Kleber und Sievers, Röller und Mikich – Namen, die hier wahllos, aber exemplarisch für andere stehen, denen das Publikum aus Erfahrung vertraut.

Was folgt daraus? Die Intendanten sollten die Nebenplätze verlassen, wo um das kleine Karo gespielt wird. Wo man allerlei Unterhaltsames wie etwa einen Streit mit den Verlegern, gerne in fünf Sätzen, vor einem kleinen, mäßig interessierten Publikum von Experten aufführen kann. Wo man so tut, als ginge es um die Wurst, obwohl es nicht mal um die Schale geht. Beide, Presse und Rundfunk, sollten als ungemischtes Doppel auf dem Center Court aufschlagen, die Wettbewerber ins Auge fassen (Google, Facebook & Co.), vor großem Publikum.

Forum des demokratischen Ganzen

Für diesen Court und dieses Spiel haben sie diese besondere Lizenz der Verfassung bekommen: Forum und Faktor des demokratischen Ganzen zu sein, Alles andere ist witzig, ärgerlich, unnötig, narzisstisch, ablenkend: Allotria eben.

Eine Gesellschaft, die nicht auf der Basis von Lug und Trug leben möchte, lebt von solchen Agenturen für Wirklichkeit. Sie muss sie pflegen. Das müssen nicht unbedingt die deutschen Institutionen sein, auch wenn sie besonders attraktiv (und billig!) sind. Public Broadcasting war in den USA immer marginal. Die US-Presse geht seit Jahren bis auf zwei, drei große Blätter zu Fuß. Das Fernsehen ist trotz Walter Cronkite und Dan Rather porentief kommerziell. Doch es gibt, aus anderen Quellen gespeist, eine andere Kommunikationskultur, es gibt nach wie vor eine kritische Öffentlichkeit, genau die, die Trump mit jedem seiner Tweets Tag für Tag zerschlagen möchte.

Wohl das größte und folgenreichste Defizit, unter dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk derzeit leidet, ist die Ahnungslosigkeit seines Publikums in der Frage, wem dieser Rundfunk gehört. Er wird kaum einmal als Objekt des Vertrauens identifiziert. Das Publikum besitzt etwas und weiß es nicht. Eine Probe auf dieses Exempel ist die Einstellung zur Haushaltsabgabe. Es gibt, wen wundert's, Empörung über die Kosten. Wozu für etwas bezahlen, was man gar nicht bestellt hat! Das klingt logisch. Das Publikum weiß – je jünger desto weniger – kaum etwas davon, dass es sein Rundfunk ist, für den er bezahlt. Noch weniger, dass es ihn braucht. Die Haushaltsabgabe wird bewertet wie die Rechnung für einen Staubsauger, der einem an der Haustür aufgeschwatzt wurde, den man so dringend braucht wie ein drittes Nasenloch.

Dabei geht es um nichts weniger als um „Grundversorgung“. Doch das blieb über Jahrzehnte immer ein rätselhaftes Juristenwort. Es hat das Herz des Publikums nie erreicht. Das war unschädlich, solange es keine grundsätzlichen Einwände gegen den Rundfunk gab. Zwar war die Gebühr, wie der HR-Intendant Werner Hess früh erkannt hat, immer schon „der Brotpreis der Nation“. Mit „Schwarz hören und Sehen kommt teuer zu stehen“ wurde einer der dümmsten Parolen erfunden, die man sich beim Rundfunk je ausgedacht hat (nur noch übertroffen durch den Sendetitel „Wir über uns!“). Niemand hat sich bemüht, dem Publikum das Wort „Grundversorgung“ als ein tua res agitur zu erklären – als ein: es geht um dich! Du zahlst ein – auf dein eigenes Konto!

Alles tun für Glaubwürdigkeit

Die gegenwärtig wesentliche Aufgabe für die Leitungsebenen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es, diese eklatante Wahrnehmungslücke zu erkennen und zu schließen. Alles zu tun für Glaubwürdigkeit, von der am meisten verbraucht wird, wenn man sich auf Selbstinszenierungen verlegt, Sendungen den Namen ihrer Protagonisten gibt, Semiprominenz in Quizshows, die wirken wie Wiederaufbereitungsanlagen, vor dem Vergessen schützt. Relevanz und Quote sind nicht dasselbe. Nicht Namen sind ein Programm, Programme schaffen Namen. Nur die dauerhafte Verbindung von Programm und Publikum schafft einen Rundfunk (und eine Presse) für das „priesterliche“, das publizistische Amt des Sammelns und Sichtens, des Bewertens und des Trennens. Die Kompetenz derer, die diese Aufgabe wahrnehmen, ist so etwas wie eine Fluglotsenkompetenz. Sie agiert, wie einst der Mythos, gegen den Absturz einer Gesellschaft. Das klingt pathetisch. Doch wem diese Nummer zu groß ist, möge den Platz räumen.

Norbert Schneider war Fernsehdirektor des Senders Freies Berlin und Direktor der Landesanstalt für Medien NRW. Bisher erschienen: Patricia Schlesinger (15. April), Hans Demmel (25. April), Christoph Palmer (7. Mai), und Rainer Robra (11. Mai)

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