Meinung : … Amerika

Christoph Marschall

Schnucki, ach Schnucki, fahr ma nach Kentucky! In der Bar Ould Shetterhend, da spielt a Indianerbend.“ Dank André Hellers dialektgeladenem Sprechgesang ist der Agrarstaat am Ostrand des Mittleren Westens im deutschen Sprachraum ein Begriff. Zwölf Millionen Fast-Food-Kunden täglich verbinden mit dem Namen wohl eher einen Geruch, der in Hellers Heimat aus „Wienerwald“-Gaststätten quillt. „Kentucky Fried Chicken“, kurz KFC, ist der Welt größter Hähnchenbrater mit 14 000 Filialen in 80 Ländern, davon ein gutes Drittel (5500) in den USA.

Die Nase allein wird die Kunden künftig nicht mehr an die richtige Theke führen. In den Dunst mischt sich neuerdings eine Prise frittierter Seeluft. Zur diesjährigen Fastenzeit bietet KFC gottgefällig ein fleischfreies Sandwich an. Kentucky mag hunderte Meilen von der Küste liegen. Diese Distanz und das Defizit an Authentizität überbrücken die PR-Strategen mit einem Bettelbrief an Benedikt XVI. Sie hoffen auf päpstlichen Segen für den „Fish Snacker“. Auch nach Ostern soll der „frische Geschmack“ von „100 Prozent Alaska-Dorsch“ die Menschen locken, „vor allem natürlich am Freitag“, weist Marketing-Chef James O’Reilly Katholiken den Weg. Europa ist säkular, viele Amerikaner halten am Glauben fest.

Gewiss, das ist ein Traditionsbruch für wahre Kentucky- Fans. Noch überraschender aber ist, dass die KFC-Manager der Versuchung so lange widerstanden haben. McDonald’s hat sein Fischbrötchen schon seit 45 Jahren im Programm, aus denselben Gründen. Mit einer Rührgeschichte über die Ursprünge des Filet-O-Fish wehrt sich die Hamburger-Kette nun gegen die Konkurrenz. Lou Groen war 1962 Pächter der ersten McDonald’s-Filiale in Cincinnati in Kentuckys Nachbarstaat Ohio. Jeden Freitag fiel der Umsatz bedenklich, die Fastenzeit brachte ihn jedes Jahr an den Rand des Bankrotts – was der heute 89-jährige Groen auf den hohen Anteil an Katholiken in der Stadt zurückführte, die das Gebot der fleischfreien Tage im Gedenken an die Leidenszeit Christi befolgten. Angeblich experimentierte die Zentrale zunächst parallel mit dem „Hula Burger“, einem Ananas-Brötchen. Doch Groens Fish-Burger war weit populärer. McDonald’s verkauft inzwischen 300 Millionen Stück im Jahr.

Davon kann KFC vorerst nur träumen. Benedikt XVI. hat noch immer nicht auf die angebliche Kirchentreue reagiert – was der Werbekampagne mit der Segensbitte freilich keinen Abbruch tut. Daneben muss erst mal ein weltlicher Anreiz helfen: der konkurrenzlose Einstiegspreis von 99 Cent.

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