zum Hauptinhalt
Sabine Rennefanz

© Tagesspiegel | Nassim Rad

Tagesspiegel Plus

Angela Merkel und der Osten: Die späte Eitelkeit der Kanzlerin

Erst als sie nichts mehr zu verlieren hat, traut sich Angela Merkel, über Verletzungen im Osten zu reden. Vielleicht ist sie doch nicht so eine Ausnahmepolitikerin.

Eine Kolumne von Sabine Rennefanz

Es ist schon ein paar Tage her, aber ich denke immer noch über die Einheitsrede von Kanzlerin Angela Merkel nach. Viele Menschen haben die Ansprache vom 3. Oktober, in der sie über die DDR und die Nachwendezeit gesprochen hat, geradezu wie eine Offenbarung gefeiert, wie eine Zeitenwende, eine Revolution.

Einige ostdeutsche Bekannte sprachen davon, dass sie beim Zuhören Tränen in den Augen hatten. Merkel erzählt, wie verletzt sie war, dass ihre 35 Lebensjahre, die sie in der DDR verbracht hat, von Westdeutschen oftmals als „Ballast“ gesehen wurden. Ein unnützes Gepäck, das abgeworfen werden musste. Sie solidarisierte sich mit Millionen Ostdeutschen, denen auch über die Jahre immer wieder vorgeworfen wurden, sie seien nicht angekommen in der Bundesrepublik.

Als es noch Mut gefordert hat, über den Osten zu reden, da war von ihr dazu wenig zu hören. 

Sabine Rennefanz

Warum kam die Rede so spät? Je mehr Tage vergehen, desto stärker wird ein Störgefühl. Warum will Merkel, auf den letzten Metern ihres Amtes, nun doch noch Ossi sein? Als es noch Mut gefordert hat, über den Osten zu reden, über den Transformationsschmerz, die Enttäuschungen, die Herabsetzungen, die Einsamkeit, da war von ihr dazu wenig zu hören. Sie trat viele Jahre neutral auf, ohne Herkunft, ohne Geschlecht. Manche hielten das für ein Zeichen ihrer Uneitelkeit.

Ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der sie nichts mehr zu verlieren hat, in der selbst Olaf Scholz von der SPD ständig von den Lebensleistungen der Ostdeutschen spricht, traut sie sich, über die Verletzungen im Osten zu reden. Und in einer Deutlichkeit, die man sich früher gewünscht hat. Solange sie die Stimmen im Westen noch gebraucht hat, wollte sie keine Ostdeutsche sein. Das kann man taktisch klug nennen – oder opportunistisch. Es ist eigentlich ein typischer Merkel-Move: Erst etwas sagen, wenn sie die Mehrheit hinter sich weiß.

Sie sagte in ihrer Rede, sie spreche als „eine von 16 Millionen Ostdeutschen“. Doch wo war sie, die Ostdeutsche, in den vergangenen sechs Jahren, als sich ein Teil der Ostdeutschen von der Demokratie entfernten oder der AfD zuwandten? Wo war Angela Merkel, als ihr Ostbeauftragter Marco Wanderwitz alle Ostdeutschen pauschal als diktatursozialisiert bezeichnete?

Was hat sie in den vergangenen Legislaturperioden getan? Wo sind die gleichen Lebensverhältnisse in Ost und West, die qua Grundgesetz vorgeschrieben sind? Bei Vermögen, Verdienst, Rente klaffen die Verhältnisse 31 Jahre nach der Einheit auseinander. Wenn man Karriere machen will, muss man den Osten immer noch verlassen.

Die Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik, Medien werden selbst im Osten meistens mit westdeutschem Personal besetzt. Ist alles bekannt, seit Jahren. Wo sind die Programme zur Förderung von ostdeutschen Eliten? Nicht einmal in ihrer eigenen Partei fallen einem ostdeutsche Talente ein, die Merkel gefördert hätte. Eine Frau wäre nett. Mir fällt bei ostdeutschen Talenten immer nur Manuela Schwesig ein. Die ist leider in einer anderen Partei, der SPD.

Merkel ist, und das hat, die Rede gezeigt, vielleicht doch nicht so eine Ausnahmepolitikerin, wie man immer dachte. Sie arbeitet in den letzten Monaten ihrer Amtszeit an ihrem Geschichtsbild und daran, wie sie später wahrgenommen werden wird. Sie will nun doch keine Frau ohne Herkunft sein, sondern Ostdeutsche.

Und mehr noch: Im September, kurz vor der Wahl, trat sie im Schauspielhaus Düsseldorf mit der Schriftstellerin Chimananda Ngozie Adichie auf, der Autorin eines feministischen Weltbestsellers. Da bezeichnete sie sich ausdrücklich als „Feministin“, ein Begriff, den sie vorher immer gemieden hatte.

Zum Schluss will Merkel offenbar allen alles sein: eine ostdeutsche, feministische Kanzlerin Deutschlands. Sie ist doch ein wenig eitler als gedacht. Und damit genauso wie wir alle.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false