Was Medien berücksichtigen sollten, wenn sie über Israel berichten

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Antisemitismus-Debatte um Augstein : „Auch Worte können töten“
Shimon Samuels

Das neue Deutschland wurde zum Vorreiter, als es um die Erforschung des Holocaust ging. Doch in den 80er Jahren brach in Europa etwas auf: Eine neue Generation, die durch Europas Schuld an seinen zwei größten Verbrechen erschüttert war – den Kolonialismus und den Holocaust –, versuchte, sich mit einem Rollentausch Erleichterung zu verschaffen. Ein portugiesischer Karikaturist platzierte damals ein Palästinensertuch auf dem Kopf des jüdischen Jungen, der auf einem Bild aus dem Warschauer Ghetto zu sehen ist. Die Helme der Nazi-Schergen, die mit Gewehren auf den Jungen zielten, versah er mit Davidsternen.

Mit wenigen Strichen wurde so aus dem jüdischen Opfer ein palästinensisches, während aus den Nazi-Soldaten Juden wurden. Parallel dazu begannen die Medien 1982 damit, die Sprache des Holocaust zur Beschreibung des ersten Kriegs zwischen Israel und Libanon zu benutzen. Aus West-Beirut wurde das „Warschauer Ghetto“, Südlibanon war das „Sudetenland“, Israels Armee wurde zur „Luftwaffe“. Mit diesen medialen Angriffen ging eine Welle antisemitischen Terrors in Westeuropa einher. 73 Anschläge auf Synagogen und Schulen wurden gezählt.

„Auschwitz wurde nicht mit Steinen und Ziegeln gebaut, sondern mit Worten“, sagte der Rabbiner Abraham Joshua Heschel. Als Kinder lernten wir den Spruch: „Schläge und Steine mögen unsere Knochen brechen, aber Worte können uns nie verletzen.“ Heute aber wissen wir, dass auch Worte töten können und selbst eine Cocktailplauderei dazu führen kann, dass Molotowcocktails geworfen werden. In seinem Testament hatte Adolf Hitler prophezeit, dass es innerhalb von 100 Jahren zu einem Wiederaufleben der Judenverfolgung kommen werde. Er lag damit falsch – viel früher wurde aus dem „nie wieder“ ein „immer wieder“.

Jakob Augstein steht nicht allein deshalb auf der Liste, weil er als Journalist den Boden legitimer Kritik verlassen hat und sich antisemitischer Klischees bedient. Als Deutscher steht Augstein auch für eine moralische Ablösung von seiner Geschichte. Er verzerrt die Erinnerung und benutzt sie als Feigenblatt, um Vorurteile zu transportieren. Ein Grundsatz in den deutsch-jüdischen Beziehungen heißt: Deutschland hat die Verpflichtung, dem jüdischen Partner keinen Schaden zuzufügen. Um bei diesem moralischen „Re-Engagement“ zu helfen, schlage ich einen „ethischen Code zum Umgang mit Antisemitismus“ vor:

1. Israel hat das Recht, nach den gleichen Maßstäben wie andere Staaten beurteilt zu werden.
2. Debatten über die Politik Israels sind legitim, sofern sie sich auf derselben Ebene bewegen wie die Kritik an der Außen- oder Innenpolitik aller anderen Staaten.
3. Die Bürger Israels und die jüdischen Minderheiten auf der Welt tragen einzeln und als Gruppe dieselben Rechte und Pflichten wie alle anderen ethnischen, religiösen oder nationalen Gemeinschaften
4. Kritik an Israel und an jüdischen Gemeinschaften schließt bewusst aus, dass in bösartiger Absicht Parallelen zum Holocaust gezogen werden und antisemitische Stereotype verwendet werden, zum Beispiel Gottesmord, Blutanklage, die Protokolle der Weisen von Zion, Weltherrschaft, Verschwörungstheorien, das Bild des jüdischen Wucherers.
5. Wenn Medien Boykottdrohungen gegen Israel unterstützen, entspricht das dem Tatbestand der Diskriminierung und verletzt den Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit.
6. Medien, die Antisemitismus verbreiten, befördern auch andere Formen der Diskriminierung (aufgrund von Nationalität, Ethnie, Glauben, Geschlecht).
7. Juden sind oft ein taktisches Ziel für jene, denen es darum geht, die Demokratie insgesamt zu diskreditieren. Simon Wiesenthal sagte dazu: „Was mit den Juden beginnt, hört niemals mit ihnen auf.“

8. Journalisten sind verantwortlich für das, was sie schreiben. Wer zu Hass und Gewalt anstachelt, trägt deshalb eine Mitschuld.
9. Wer willentlich und absichtlich den Staat Israel delegitimiert, muss damit rechnen, öffentlich zur Rechenschaft gezogen oder gar verklagt zu werden.
10. Das Internet verstärkt den Einfluss von Schmähungen. Es schafft Anknüpfungspunkte dafür, dass immer wieder neuer Hass entsteht. Das muss Journalisten besonders bewusst sein.

Der Autor ist Direktor für Internationale Beziehungen am Simon-Wiesenthal-Center in Paris. Übersetzt von Fabian Leber.

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