Jede Epoche konstruiert sich der Antisemitismus sein Feindbild neu

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Antisemitismus : "Du Jude" - Ist das nur so ein Wort?

Vor zwei Wochen stellte der Publizist Rafael Seligmann seine neue Zeitschrift „Jewish Voice from Germany“ mit dem schönen Argument vor, jüdisches Leben in Deutschland sei heute weitaus mehr als nur Erinnerung an Opfer und Leid. Auf der Titelseite der ersten Ausgabe sind jüdische Schulkinder in Berlin zu sehen, muntere, aufgeweckte, angstfreie Kinder. Gleich neben dem Foto stellt aber der Leitartikel von Heribert Prantl klar, wie unhaltbar es ist, dass die NPD als „staatlich finanzierte, kriminelle Organisation“ erlaubt bleibt. Und die „Jewish Voice from Germany“ ist nicht das einzig sichtbare Symptom. Unermüdlich sammeln und versenden Initiativen wie „Honestly Concerned“ Informationen zum heutigen Antisemitismus, ebenso unermüdlich mühen sich Organisationen wie das American Jewish Committee in Berlin um Aufklärungsarbeit gegen Xenophobie und Rassismus an Schulen.

In jeder Epoche hat sich der Antisemitismus sein Feindbild einer Minderheit analog zu Sündenbockbedürfnissen konstruiert. Juden im Mittelalter galten als „Brunnenvergifter“, sie wurden zu „Wucherern“ und „Hehlern“, später, je nach Bedarf, zu Bolschewiken oder Kapitalisten, in nationalsozialistischer Biopolitik zur genetischen Bedrohung eines imaginären „Volkskörpers“. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaßen Juden zum ersten Mal ein eigenes Land, auf das Antisemiten ihre Affekte projizieren können. Museumspädagogen im Haus der Wannsee-Konferenz bekommen öfter von besorgten Zeitgenossen zu hören, es sei „tragisch“, dass „ausgerechnet die Juden“ sich gegenüber Palästinensern „wie die Nazis“ verhielten.

„Antisemitismus in unserer Gesellschaft basiert auf weitverbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum“, resümiert der Londoner Historiker Peter Longerich, der an der Studie für den Bundestag mitgewirkt hat. Aber die Deutschen, die sich ab 1933 Rassenhass und Massenmord widmeten, wussten sehr wohl, wer „die Juden von nebenan“ waren. Sie waren Ärzte und Anwälte, Handwerker und Polizeibeamte, Veteranen des Ersten Weltkriegs – wie der Vater von Hans Keilson –, Sportler und Politiker, Gelehrte und Handwerker. Adolf Eichmann verkündete gegenüber ehemaligen NS-Kameraden im argentinischen Exil, die Juden mit ihrer traditionell hohen Bildung und Rechtskultur seien ihm ein Dorn im Auge gewesen, er werfe sich vor, von den mehr als zehn nur sechs Millionen ausgelöscht zu haben.

Wir wissen all das. Man kann es nachlesen, wie der Herr im Zugabteil der jungen Dame empfahl. Aber das allein reicht nicht. Eine seiner klarsten Aussagen trifft der Bericht an den Bundestag, wo er feststellt, dass umfassende Strategien zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland schlicht nicht existieren. Die wird es erst geben, wo emotionale Bildung – Grundlage jeder Ethik – so ernst genommen wird wie Wissensvermittlung und museales „Gedenken“.

Dazu die letzte Vignette. Eine Nachhilfelehrerin aus Hamburg unterrichtete zwei Teenager. Die Brüder, cool, pubertär, ostentativ angeödet vom Schulstoff, erwachten aus ihrem Lernkoma, als Judenverfolgung Thema wird. Gräueltaten! Plötzlich feuerten die Synapsen, die Augen blitzten: „Ist ja voll krass!“ Davon wollen sie mehr wissen, Misshandlungen, Folter: „Echt? Was haben die sonst noch alles mit denen gemacht?“ Ihre eigene Situation, gekränkt von miserablen Schulnoten und misslaunigen Eltern, verstrickte sich mit der Fantasie, dass es da ein Szenario gab, worin man sich an „Anderen“ ungehemmt schadlos halten durfte. Im Teenageralter ist es schon fast zu spät für das Legen einer ethischen Basis; das emotionale Flussbett hat sich seinen Pfad schon weitgehend gebahnt, und psychische Umorientierung erfordert enorme Kräfte.

Tatsächlich ist es vorbildlich, was einige Bildungsinstitutionen versuchen, wie etwa Berlins Anna-Lindh-Grundschule, wenn sie schon mit jüngsten Schülern Themen wie Ausgrenzung, Angst und Vorurteil empathisch erarbeiten. In der Prävention ist das sicher der beste, der goldene Weg. Deshalb hat es etwas Heuchlerisches, wenn Schulen für solche Projekte gelobt oder ausgezeichnet werden. Denn im öffentlichen Lob steckt die unverbindliche Aufforderung, es der „tollen Schule“ gleichzutun, während das Lob gerade deren Position als Ausnahme entlarvt, die sie nicht sein sollte. Mehr als alles andere ist die Konferenz der Kultusminister gefragt, sich, orientiert an der besten Praxis, auf Curricula und Richtlinien zu einigen – wobei der Grundsatz gelten muss: Je früher begonnen wird mit emotionaler Bildung und inhaltlicher Aufklärung, desto besser.

Hass-Prävention kostet Geld. Die Nazis, sagt Hans Keilson in seinem Erinnerungsbuch, sind „zugrunde gegangen an ihrem Hass“. Will eine Gesellschaft eher Liebe, muss sie freigiebig sein. Hier zuerst.

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