Sexuelle Freiheit ist nicht unvereinbar mit der Scharia

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Arabische Welt : Sexuelle Freiheit und Islam sind nicht grundsätzlich unvereinbar
Shereen El Feki

„Die Scharia ist ein Text, der im Sinne sexueller Freiheit oder im Sinne der Unterdrückung interpretiert werden kann. Wenn die Politiker für sexuelle Freiheit optieren, finden die islamischen Gelehrten einen Weg“, lautet die Antwort von Abdessamad Dialmy auf diese Frage. Er ist ein marokkanischer Soziologe und einer der wenigen Wissenschaftler in der arabischen Welt, die sich auf das Thema Sexualität spezialisiert haben. (...)

In der sich abzeichnenden neuen Gesellschaftsordnung Ägyptens kämpfen eine liberale Minderheit, die ähnlich wie Dialmy denkt, und eine konservative Mehrheit auf allen Gebieten um die Vorherrschaft.

Als ich 2008 nach Kairo zog, stellte mich eine gemeinsame Freundin Azza vor, einer Ägypterin, die sich erbot, mir Arabischunterricht zu geben. Trotz ihres Humors und ihrer Wissbegierde wunderte sich Azza zunächst ein wenig über den Wortschatz, den ich lernen wollte: Ich bin mir sicher, ich wäre genauso misstrauisch, wenn eine Schülerin von mir ein solch ausgeprägtes Interesse daran hätte zu erfahren, wie Genitalien, Abtreibung oder Akte sexueller Gewalt auf Englisch heißen. (...)

Doch als wir uns dann besser kennenlernten und ich ihr mehr von meiner Arbeit erzählte, wuchs Azzas Neugierde. Obwohl sie zuerst noch ein bisschen schüchtern war, begann sie schon bald Fragen zu stellen und von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten. Bald darauf stellte sie mich Verwandten und Freunden vor als „Doctura Shereen, die Dame, die Reproduktionsmedizin und eheliche Beziehungen erforscht“ – eine höfliche Umschreibung für „Sex“. Dies erwies sich als die ultimative Visitenkarte, ein Sesam-öffne-dich für die Schatztruhe der Sexualkultur.

Jede Woche bescherte mir jetzt neue Erzählungen über die „Sexualangst“ von Azza und ihrem Kreis, gleich einem modernen Tausendundeine Nacht: die Nachbarin, die ihren Mann im Schlafzimmer dabei erwischte, wie er Telefonsex mit ihrer Freundin hatte; die Schwester, die auf dem Laptop ihres Ehemanns Pornofilme fand und den Spieß umdrehte, indem sie heiße Fotos von sich selbst hochlud – zu seinem großen Entsetzen; der ältere Bruder, die seine Frau per SMS verstieß, als sie ihn nicht ranließ, und der sich jetzt eine zweite, schärfere, quasioffizielle Ehefrau zugelegt hat; der jüngere Bruder, der seine Braut, als sie in der Hochzeitsnacht einen Hauch von Eigeninitiative zeigte, aus dem Bett zerrte und sie auf den Koran schwören ließ, sie sei bis zu dieser Stunde gänzlich unbeleckt; die Schwägerin, deren Gemahl den Liebesakt so kurz und heftig vollzieht, dass es fast einer Vergewaltigung gleichkommt. Azza ist eines von acht Geschwistern, in deren Eheleben sich die Veränderungen widerspiegeln, die Ägypten und viele seiner arabischen Nachbarn in den letzten fünfzig Jahren durchmachten, aber auch die Spannungen, die sich bei den Aufständen im Jahr 2011 auf den Straßen entluden.

Wegen grundlegender historischer, religiöser und kultureller Unterschiede liefert der Westen keine Orientierungshilfe hinsichtlich der Frage, wohin die Veränderungen in der arabischen Welt letztlich führen werden. Entwicklung ist ein langsamer Prozess, und verschiedene Gesellschaften schlagen verschiedene Wege ein. Allerdings sind einige Ziele erstrebenswerter als andere. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die Menschen nicht nur erlaubt, eigenständige Entscheidungen zu treffen und ihr sexuelles Potenzial auszuschöpfen, sondern ihnen auch die Bildung, die Instrumente und die Chancen vermittelt, um dies zu verwirklichen, während sie zugleich die Rechte anderer respektiert, ein fruchtbarerer Boden für Entwicklung ist. Ich glaube nicht, dass dies grundsätzlich unvereinbar ist mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen in der arabischen Welt, die früher offener für das gesamte Spektrum der menschlichen Sexualität war und dies wieder werden könnte. Es widerspricht auch nicht zwangsläufig der tonangebenden Religion der Region: Durch ihre Interpretationen des Islam haben viele Muslime sich selbst und ihrer Religion Fesseln angelegt.

In meinem Buch kommen diejenigen zu Wort, die die Fesseln abstreifen wollen: Forscher, die es wagen, die gelebte Sexualität zu erforschen; Gelehrte, die altüberlieferte Texte, welche Menschen heute in ihrer Entscheidungsfreiheit stark einschränken, neu interpretieren; Juristen, die für ausgewogenere Gesetze kämpfen; Ärzte und Therapeuten, die die negativen körperlichen und seelischen Folgen aufzufangen versuchen; mutige religiöse Führer, die Toleranz predigen, statt wie früher von Verdammnis zu sprechen; Aktivisten, die auf den Straßen unterwegs sind und sich bemühen, Sex sicher zu machen; Schriftsteller und Filmemacher, die die Grenzen der sexuellen Ausdrucksmöglichkeiten hinterfragen; Blogger, die einen neuen Raum für die öffentliche Debatte schaffen. Aber wir hören auch die Stimmen derjenigen, die sich ihnen entgegenstellen; die sich wandelnde politische Landschaft der arabischen Region eröffnet nach Jahren des Stillstandes neue Chancen für beide Seiten.

Das Buch der Autorin erscheint am 25. Februar: Shereen El Feki, Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt. In der Übersetzung von Thorsten Schmidt. Hanser Berlin 2013, 24,90 Euro.