Die Misere beginnt schon beim Vornamen

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Gefährliche Denkmuster : Warum wir welche Vorurteile haben
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.Foto: dpa

Dort, wo die Konkurrenz unmittelbar ist und eine gefühlte, subjektive Bedrohung für den Einzelnen besteht, werden die Absetzbewegung besonders deutlich: Das Personal an der Supermarktkasse schimpft auf Hartz-IV-Empfänger, und niedrig qualifizierte Frauen aus dem Osten, die Generation der Wende-Verlierer, zeigte in Umfragen vor zehn Jahren bedenkliche Zeichen von Ausländerhass. Zielscheibe wird die Gruppe, die nur wenig schlechter gestellt ist, als die eigene. „Reiche können es sich leisten, nett zum Kellner zu sein“, sagt Küpper. Der stellt für sie keine Bedrohung dar. Reiche fühlen sich auch nicht per se als Bürger benachteiligt.

Das ist anders, als im Milieu, in dem Rechtsextremismus gedeiht. „Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, wird umgeleitet zum Beispiel auf die Flüchtlinge.“ Dieser Umleitungsmechanismus „ist das Einfallstor des Rechtsextremismus“. Wer nicht wahrhaben will, dass er selbst ein Deklassierter ist, macht Andere dazu. Es gehe auch hier um die Abgrenzung zu anderen. Weil Vorurteile dem Identitäts-Gefühl dienen, das Wir-Gefühl stärken, teilen sie die Welt in „wir und die“. Da ist der Preis des Wir-Gefühls eine Spaltung der Gesellschaft.

Der Glaube an die Ungleichwertigkeit

Ist also Identität nur mit einem Verlust der Gemeinschaft zu haben?

Nach den Erkenntnissen von Küpper hängt das vom Menschenbild des Einzelnen ab. Besonders anfällig für Vorurteile, sagt Küpper, sind Menschen, die Hierarchien schätzen. Den Kern aller Vorurteilsbereitschaft mache der Glaube an Ungleichwertigkeit aus. Es ist quasi das Ur-Vorurteil, aus dem dann die jeweiligen Varianten erwachsen. Deshalb haben nach ihren Erkenntnissen Leute, die ein Vorurteil pflegen, sehr wahrscheinlich auch weitere. Offenbar beginnt die Misere grundlos irrationaler Beurteilungen schon beim eigenen Vornamen.

Die Sache mit dem Kindervornamen

Als in einer Studie der Universität Oldenburg von 2009 eine Lehrerin über ihre Grundschulkinder sagte: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, brach ein Sturm der Entrüstung los, auch über die Forscher, die herausgefunden hatten, dass für die Lehrer der Vorname ihrer Schüler durchaus einen Unterschied macht. Dabei ist das Phänomen ganz gut belegt: Auch für die Klickzahlen bei online-Partnerbörsen spielt der Name eine Rolle - Lena, Hannah, Felix und Paul sollen für Singles deutlich besser laufen als Chantal oder Kevin. Und sowohl bei Job-Bewerbungen als auch bei der Wohnungssuche ergeben alle Experimente, dass diejenigen mit deutschen Namen bevorzugt eingeladen werden.

Und Küppers eigene Forschungen? Einmal hat sie Lehramtsstudenten zwei Mädchen vorgestellt. Sara, 9 Jahre, Gottesdienstbesuche sonntags, Notenschnitt 2,3. Und Sadiya, 9 Jahre, Moscheebesuche, Notenschnitt 2,3. Die Frage lautete, welche weiterführende Schule würden die Studenten den Kindern empfehlen. Überrascht es jemanden zu erfahren, dass Sara häufiger für das Gymnasium empfohlen wurde?