Vorurteile tragen das „Urteil“ im Namen

Seite 2 von 3
Gefährliche Denkmuster : Warum wir welche Vorurteile haben
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.Foto: dpa

Lange sprachen die Zahlen dafür, dass vor allem Ältere viele Vorurteile pflegten und die Jüngeren offener waren. „Wir hatten lange gehofft, Vorurteile sterben aus.“ Konnte man eventuell einfach abwarten, bis sich das Problem von selber lösen würde? Und sind die negativen Voreinstellungen wirklich verschwunden, nur weil sie nicht mehr geäußert werden? Sie finden heute, sagt Küpper, oft nur einen anderen Ausdruck und nehmen subtile Umwege.

Judenfeindlichkeit werde häufig über die Kritik an der Politik Israels ausgelebt. Vorurteile über Frauen werden in vergiftete Komplimente verpackt, die Küpper „benevolenten Sexismus“ nennt, der sein Ziel verschleiert, die alte Machtordnung zu festigen. Eine Aussage wie: „Sie versteht Gefühle viel besser“ kann auch dazu dienen, einer Frau die analytischen Fähigkeiten abzusprechen, die sie für eine Führungsposition qualifizieren würden.

Damit alles so bleibt wie es ist

Weil diese Vorurteile einschnappen wie Schlösser, noch bevor das Denken einsetzt, unterlaufen sie die tatsächliche Urteilsfähigkeit des Menschen, ohne dass der etwas davon merkt. Vorurteile tragen das „Urteil“ im Namen. Aber faktisch bedeuten sie die Abschaffung der Urteilskraft. Sogar der Forscherin Küpper widerfährt es, dass sie zurückzuckt und bei sich leichte Zweifel wahrnimmt, nur weil das Flugzeug, in das sie gerade gestiegen ist, von einer Pilotin gesteuert wird.

„Eltern mit Migrationshintergrund sind nicht bildungsorientiert“, ist einer dieser scheinbar harmlosen Sätze. Abgesehen davon, dass er nicht stimmt – bei Umfragen kommt als Berufswunsch für die Kinder meistens Anwalt oder Arzt heraus – diene dieser Satz einem ganz anderen Ziel: „die Verantwortung für die schlechte Bildung dieser Kinder den Eltern und nicht den Strukturen zuzuweisen.“ Es handle sich um einen Trick, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Wie überhaupt eine Hauptfunktion von Vorurteilen die Rechtfertigung bestehender Ungerechtigkeiten sei.

Vorurteile unterliegen einer Konjunktur

In guten Zeiten „schlummern“ Vorurteile, sagt Küpper. Wenn die Leute sich sicher und nicht bedroht fühlen.

Denn Vorurteile unterliegen einer Konjunktur, hat Küpper erkannt. Zuletzt wurden auch bei Jüngeren wieder mehr Vorurteile gefunden. In Studien hat Küpper den sprunghaften Anstieg von Vorurteilen gegenüber Hartz- IV-Empfängern in der Finanzkrise und gegen Juden während des Gaza-Krieges im vergangenen Jahr nachweisen können. Nach dem Abflauen beider Krisen verschwanden auch die Abwertungen.

Die Konjunktur bestimmter Vorurteile, sagt Küpper, ist auch abhängig vom „Scheinwerfer“, vom Aufmerksamkeitsraster einer Gesellschaft. Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“. Deshalb werden dieser Gruppe Menschen zugeordnet, die man früher nie unter diesem Gesichtspunkt zusammengefasst hätte. Es ist, als würde sich eine Gesellschaft plötzlich auf eine Ursache für alle möglichen Bedrohungen einigen.

57 Kommentare

Neuester Kommentar