Gefährliche Denkmuster : Warum wir welche Vorurteile haben

In unserem neuen Zeitungsteil "Causa" geht es um Kommunikation, Ideen, Trends. Wie Vorurteile die Welt strukturieren und warum sie trotzdem schrecklich dumm sind, erklärt die Vorurteilsforscherin Beate Küpper.

Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.Foto: dpa

Zuletzt hat sich die Vorurteilsforscherin Beate Küpper in Altenheimen umgetan. Sie fand dort türkische Frauen, deren Angebot, an Weihnachten den Dienst zu übernehmen, gerne angenommen wurde. Zugleich sagte man ihnen aber: Im Dienst kein Kopftuch. Sie fand russische Mitarbeiterinnen, deren Übersetzungsfähigkeiten von den russischen Bewohnern gerne genutzt wurden. Zugleich aber galt: In den Teeküchen der Mitarbeiter nur Deutsch!

Küpper traf auf Mitarbeiter, die sich ihrer doppelten Maßstäbe gar nicht bewusst waren. Eben das, sagt Küpper, sei charakteristisch für den Umgang mit Vorurteilen. Wie sollten sie in dem Altersheim also verstehen, dass es eigentlich Vorurteile waren, die ihnen die Zusammenarbeit erschwerten?

Die Sozialpsychologin Beate Küpper lehrt an der Universität Niederrhein und erforscht, was es heißt, „von anderen ohne Grundlage schlecht zu denken“.
Die Sozialpsychologin Beate Küpper lehrt an der Universität Niederrhein und erforscht, was es heißt, „von anderen ohne Grundlage...Foto: Deike Diening

Die Sozialpsychologin Küpper lehrt an der Universität Niederrhein und erforscht, was es heißt, „von anderen ohne Grundlage schlecht zu denken“. Sie hat mit Kollegen von 2002 bis 2011 die größte, repräsentative Langzeitstudie zu Vorurteilen in Deutschland durchgeführt. Der Titel: „Die Abwertung der Anderen“. Es ist gefährlich, sich mit Beate Küpper zu treffen. Denn möglicherweise geht man hinterher anders durch die Welt. Nicht nur, dass man sich ertappt fühlt: Küpper wird in drei Stunden in einem Bielefelder Café einige Erzählmuster unserer Gesellschaft als Kommunikationsstrategie entlarven, die das Ziel hat, bestehende, zutiefst ungerechte Strukturen zu erhalten.

Vorurteile entstehen immer nach gleichem Muster

Das wirkungsvollste Instrument dieser Strategie sind weit verbreitete, zum Teil kreativ verschleierte Vorurteile. Die entstehen immer nach dem gleichen Muster: Erst wird jemand einer Gruppe zugeordnet – das ist die Kategorisierung. Dann werden dieser Gruppe Eigenschaften zugeordnet – das ist die Stereotypisierung. Dann werden diese Stereotype mit einer Bewertung versehen. Meistens keiner guten. Was tragisch besonders deshalb ist, da ausgerechnet die Fähigkeit zur Kategorisierung ein Zeichen für die Intelligenz des Menschen ist. Die ganze Wissenschaft lebt davon, Muster und Regelmäßigkeiten zu erkennen. „Ein Mensch kann gar nicht anders, als in Schubladen zu denken“, sagt Küpper. Das portioniert die Komplexität der Umwelt in handhabbare Größen. Schwierig wird es danach.

Betroffen sind Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft

Sicher, sagt Küpper. Es gebe auch positive Vorurteile oder solche gegen Häkeln und Stricken. Aber Haltungen dieser Art haben eher Unterhaltungswert. „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, wo die harten Vorurteile liegen.“ Wo sie sich gegen Frauen, Juden, religiöse Minderheiten und Fremde richten und deshalb so mächtig sind, weil sie Eigenschaften betreffen, die ein Mensch beim besten Willen nicht ändern kann: Die Hautfarbe, das Geschlecht, die Herkunft, das Alter. Die Konsequenzen dieser Vorverurteilung sind grausam und zerstörerisch. „Ich halte Deutschland für zutiefst rassistisch und antisemitisch“, sagt Küpper. Dabei ist einer der Hauptbefunde ihrer Langzeitstudie zunächst einmal erfreulich. Die Vorurteile in der deutschen Bevölkerung gingen über die Jahre deutlich zurück.

Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.Foto: dpa

Lange sprachen die Zahlen dafür, dass vor allem Ältere viele Vorurteile pflegten und die Jüngeren offener waren. „Wir hatten lange gehofft, Vorurteile sterben aus.“ Konnte man eventuell einfach abwarten, bis sich das Problem von selber lösen würde? Und sind die negativen Voreinstellungen wirklich verschwunden, nur weil sie nicht mehr geäußert werden? Sie finden heute, sagt Küpper, oft nur einen anderen Ausdruck und nehmen subtile Umwege.

Judenfeindlichkeit werde häufig über die Kritik an der Politik Israels ausgelebt. Vorurteile über Frauen werden in vergiftete Komplimente verpackt, die Küpper „benevolenten Sexismus“ nennt, der sein Ziel verschleiert, die alte Machtordnung zu festigen. Eine Aussage wie: „Sie versteht Gefühle viel besser“ kann auch dazu dienen, einer Frau die analytischen Fähigkeiten abzusprechen, die sie für eine Führungsposition qualifizieren würden.

Damit alles so bleibt wie es ist

Weil diese Vorurteile einschnappen wie Schlösser, noch bevor das Denken einsetzt, unterlaufen sie die tatsächliche Urteilsfähigkeit des Menschen, ohne dass der etwas davon merkt. Vorurteile tragen das „Urteil“ im Namen. Aber faktisch bedeuten sie die Abschaffung der Urteilskraft. Sogar der Forscherin Küpper widerfährt es, dass sie zurückzuckt und bei sich leichte Zweifel wahrnimmt, nur weil das Flugzeug, in das sie gerade gestiegen ist, von einer Pilotin gesteuert wird.

„Eltern mit Migrationshintergrund sind nicht bildungsorientiert“, ist einer dieser scheinbar harmlosen Sätze. Abgesehen davon, dass er nicht stimmt – bei Umfragen kommt als Berufswunsch für die Kinder meistens Anwalt oder Arzt heraus – diene dieser Satz einem ganz anderen Ziel: „die Verantwortung für die schlechte Bildung dieser Kinder den Eltern und nicht den Strukturen zuzuweisen.“ Es handle sich um einen Trick, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Wie überhaupt eine Hauptfunktion von Vorurteilen die Rechtfertigung bestehender Ungerechtigkeiten sei.

Vorurteile unterliegen einer Konjunktur

In guten Zeiten „schlummern“ Vorurteile, sagt Küpper. Wenn die Leute sich sicher und nicht bedroht fühlen.

Denn Vorurteile unterliegen einer Konjunktur, hat Küpper erkannt. Zuletzt wurden auch bei Jüngeren wieder mehr Vorurteile gefunden. In Studien hat Küpper den sprunghaften Anstieg von Vorurteilen gegenüber Hartz- IV-Empfängern in der Finanzkrise und gegen Juden während des Gaza-Krieges im vergangenen Jahr nachweisen können. Nach dem Abflauen beider Krisen verschwanden auch die Abwertungen.

Die Konjunktur bestimmter Vorurteile, sagt Küpper, ist auch abhängig vom „Scheinwerfer“, vom Aufmerksamkeitsraster einer Gesellschaft. Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“. Deshalb werden dieser Gruppe Menschen zugeordnet, die man früher nie unter diesem Gesichtspunkt zusammengefasst hätte. Es ist, als würde sich eine Gesellschaft plötzlich auf eine Ursache für alle möglichen Bedrohungen einigen.

Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.
Der Scheinwerfer war im Dritten Reich auf den „Juden“ gerichtet, im Moment ist er es auf „Islam“.Foto: dpa

Dort, wo die Konkurrenz unmittelbar ist und eine gefühlte, subjektive Bedrohung für den Einzelnen besteht, werden die Absetzbewegung besonders deutlich: Das Personal an der Supermarktkasse schimpft auf Hartz-IV-Empfänger, und niedrig qualifizierte Frauen aus dem Osten, die Generation der Wende-Verlierer, zeigte in Umfragen vor zehn Jahren bedenkliche Zeichen von Ausländerhass. Zielscheibe wird die Gruppe, die nur wenig schlechter gestellt ist, als die eigene. „Reiche können es sich leisten, nett zum Kellner zu sein“, sagt Küpper. Der stellt für sie keine Bedrohung dar. Reiche fühlen sich auch nicht per se als Bürger benachteiligt.

Das ist anders, als im Milieu, in dem Rechtsextremismus gedeiht. „Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, wird umgeleitet zum Beispiel auf die Flüchtlinge.“ Dieser Umleitungsmechanismus „ist das Einfallstor des Rechtsextremismus“. Wer nicht wahrhaben will, dass er selbst ein Deklassierter ist, macht Andere dazu. Es gehe auch hier um die Abgrenzung zu anderen. Weil Vorurteile dem Identitäts-Gefühl dienen, das Wir-Gefühl stärken, teilen sie die Welt in „wir und die“. Da ist der Preis des Wir-Gefühls eine Spaltung der Gesellschaft.

Der Glaube an die Ungleichwertigkeit

Ist also Identität nur mit einem Verlust der Gemeinschaft zu haben?

Nach den Erkenntnissen von Küpper hängt das vom Menschenbild des Einzelnen ab. Besonders anfällig für Vorurteile, sagt Küpper, sind Menschen, die Hierarchien schätzen. Den Kern aller Vorurteilsbereitschaft mache der Glaube an Ungleichwertigkeit aus. Es ist quasi das Ur-Vorurteil, aus dem dann die jeweiligen Varianten erwachsen. Deshalb haben nach ihren Erkenntnissen Leute, die ein Vorurteil pflegen, sehr wahrscheinlich auch weitere. Offenbar beginnt die Misere grundlos irrationaler Beurteilungen schon beim eigenen Vornamen.

Die Sache mit dem Kindervornamen

Als in einer Studie der Universität Oldenburg von 2009 eine Lehrerin über ihre Grundschulkinder sagte: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, brach ein Sturm der Entrüstung los, auch über die Forscher, die herausgefunden hatten, dass für die Lehrer der Vorname ihrer Schüler durchaus einen Unterschied macht. Dabei ist das Phänomen ganz gut belegt: Auch für die Klickzahlen bei online-Partnerbörsen spielt der Name eine Rolle - Lena, Hannah, Felix und Paul sollen für Singles deutlich besser laufen als Chantal oder Kevin. Und sowohl bei Job-Bewerbungen als auch bei der Wohnungssuche ergeben alle Experimente, dass diejenigen mit deutschen Namen bevorzugt eingeladen werden.

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Und Küppers eigene Forschungen? Einmal hat sie Lehramtsstudenten zwei Mädchen vorgestellt. Sara, 9 Jahre, Gottesdienstbesuche sonntags, Notenschnitt 2,3. Und Sadiya, 9 Jahre, Moscheebesuche, Notenschnitt 2,3. Die Frage lautete, welche weiterführende Schule würden die Studenten den Kindern empfehlen. Überrascht es jemanden zu erfahren, dass Sara häufiger für das Gymnasium empfohlen wurde?