Corona und die EU : Das neue Bild des Südens

Unter Corona wurden Moralpredigten gegen die Schuld des Schuldenmachens leiser. Setzt sich ein nüchterner Blick durch, zum Beispiel auf Italien? Ein Kommentar.

Gemeinsam geschützt: Die Kanzlerin und Italiens Premier Giuseppe Conte im Juli auf Schloss Meseberg
Gemeinsam geschützt: Die Kanzlerin und Italiens Premier Giuseppe Conte im Juli auf Schloss MesebergFoto:Gärtner/ imago

Auch lange schon nichts mehr von den PIGS gehört? Das Kürzel aus den Tagen der sogenannten Schuldenkrise, könnte in diesem Jahr den zehnten Geburtstag feiern, aber seine besten Jahre scheinen vorbei. Es war ja auch nicht besonders nett. Ein Stück Rhetorik, wie all diese Worte, Akronyme, die im besten Fall dem Gedächtnis eine Brücke bauen wollen. Im schlechteren werden Anfangsbuchstaben zu einer Beleidigung zusammengezogen.

„Schweine“, das galt denen im europäischen Süden, namentlich Portugal, Italien, Griechenland, Spanien. Tunichtgute und Faulenzer, so suggerierte das Kürzel, mutwillige Schuldenmacher, denen nicht zu trauen und daher auch nicht zu helfen war, es sei denn gegen knallharte Auflagen, die sie endlich auf den Pfad protestantisch-nordeuropäischer Spartugend zwingen würden. So ähnlich tönte es von jedem EU-Gipfel – natürlich diplomatischer – und aus dem Gros der deutschen Leitartikel. Stimmen, die etwa daran erinnerten, wie die ökonomischen Kräfteverhältnisse im gemeinsamen Europa verteilt sind oder die mahnten, dass ein Staatshaushalt nicht funktioniert wie das Haushaltsbuch der schwäbischen Hausfrau: Ja, die gab es, aber es waren wenige. Sie galten als exotisch, gingen rasch unter und wurden eher nicht durch Mikrofone verstärkt.

"Die deutsche Leier" vom Süden - realitätsblind

Das ist in jüngster Zeit anders geworden. Ein aufschlussreiches Beispiel bietet die veränderte Perspektive auf Italien: Selbst der „Spiegel“, der gern mal teutochauvinistische Italien-Titel mit Pasta und Pistole produziert, gab Zeichen neuer Einsicht und ließ den früheren Chefökonomen der „Financial Times Deutschland“, Thomas Fricke, in einer Kolumne richtig wettern: Das wahre europäische Drama sei nicht ein angeblich liederliches Italien, sondern der hochmütige Blick von Norden: „Die deutsche Leier“ habe mit Italiens Wirklichkeit schon lange „nur noch in etwa so viel zu tun wie Sauerkraut mit den Ernährungsgewohnheiten in Wanne-Eickel“. Dieser Realitätsverlust sei es, der Europa zerstöre.

Fricke war nicht allein. In der „FAZ“ zerpflückte Herausgeber Gerald Braunberger das „trügerisch simple“ Bild vom Dolce Vita auf Pump und erklärte, dass Italien seit Jahren einen Leistungsbilanzüberschuss aufweise und der Staatshaushalt regelmäßig Überschüsse – die, so muss man ergänzen, für den Schuldendienst draufgehen. Mal abgesehen von der Sparquote der vorgeblichen Hallodris, die der deutschen nicht nachsteht, wie die FAZ ebenfalls nicht verschwieg.

Europa teilt sich nicht in Verschwender und Vernünftige

Das hätte man alles allerdings früher wissen können, ebenso dass die Schulden, die Rom heute bedient, historische 40 Jahre alt sind - Hitlers Erben wurden sie ziemlich rasch nach dessen/deren Krieg erlassen -, dass Italien bis in die 1990er Jahre wuchs wie Deutschland und die Krise begann, als Rom den Maastrichter Vertrag unterschrieben hatte und die Lira für den Euro aufgab. EU-Nettozahlerin ist Italien trotz Dauerkrise geblieben. Ist es Zufall, dass das alles erst jetzt auffällt, da das Narrativ von der schwäbischen Hausfrau durch Corona zuschanden geht und die EU sich in der größten Krise der Nachkriegszeit erstmals zu gemeinsamer Geldbeschaffung entschloss und dies gleich alla grande? Ebenfalls auf dem Corona-Höhepunkt April warnte Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire vor den Folgen für sein Land, wenn man Italien, die wichtigste Handelspartnerin, mit der Rezession allein lasse. Ungefähr um diese Zeit ließen selbst konservative Ökonomen, die sonst die "Schuldenunion" an die Wand malten, durchblicken, dass Coronabonds vielleicht keine ganz schlechte Idee wären.

Europa besteht eben nicht einfach aus Verschwendern dort und Vernünftigen hier. #weareinthistogether, wir stecken alle gemeinsam drin. Einmal ganz abgesehen davon, dass dieses Bild des Landes zynisch ist und Stress und Mangel verhöhnt, die sich jede und jeder, der will, im Süden im Urlaub leicht ansehen kann.

Die Steuersparmodelle der sparsamen Niederlande

Viele Italienerinnen und Italienern versuchen, mit mageren Löhnen und teils mehreren Jobs durch die dritte Rezession in nur einem Jahrzehnt zu kommen. Und dies ohne einen (Sozial-)Staat, der wie, zum Glück, der deutsche großzügig Coronahilfen verteilte. Schließlich ist Italien, dem liebgewordenen Vorurteil zum Trotz, die Musterschülerin der EU-Sparregime. Italiens Schulen und Universitäten, um nur ein trauriges Beispiel zu nennen, haben das in den letzten zehn Jahren mit einem Investitions-Minus von 40 Prozent bezahlt. Deutschland hat die europäischen Regeln dagegen schon öfter gerissen. Und die Niederlande, Führungsnation der "Sparsamen Vier", sparen nicht zuletzt selbst Rom kaputt, weil ihre Steuermodelle unwiderstehlich auf italienische Firmen wirken, die's gern ein bisschen billiger hätten als daheim.

Möge also ein Mehr an Wissen die nächste Welle des deutschen und andern Hochmuts nördlich der Alpen aufhalten. Auch wenn die politische Klasse dem Wahlvolk - und wohl auch sich - dann keinen moralischen Distinktionsgewinn mehr auszahlen kann. Man hätte dann auch keinen Ärger mit Geistern mehr, die einmal gerufen, nicht wieder loszuwerden sind. Das gilt nicht nur für den Popanz vom faulen Süden und den Sündern, die "über ihre Verhältnisse leben". Die Deutschen, denen man das Märchen jahrelang verkaufte, könnten jetzt in Panik vor den Schulden der eigenen Regierung geraten. Als sie das atemberaubende 500-Milliarden-Corona-Paket schnürte, kommentierte die Kanzlerin, man habe "gut gewirtschaftet" und könne sich das daher leisten. Vom zurückgelegten Haushaltsgeld einen S-Klasse-Benz kaufen - was würde die schwäbische Hausfrau dazu sagen? Angela Merkel, die kein Reihenhaus in Göppingen bewirtschaftet, sondern einen Bundeshaushalt hat, dürfte die Erfindung dieses Vorbilds längst bereuen.