Meinung : „Das geistige Zentrum meiner Arbeit“

Bernhard Schulz

Ausgerechnet David Chipperfield, dieser so besonnene Architekt, ist mit einem Mal ins Zentrum eines medial beförderten Sturmes geraten. „Die“ Denkmalschützer haben sich auf ihn eingeschossen; „die“ in Anführungszeichen, weil sie wahrlich nicht für alle sprechen, denen Pflege und Erhaltung des baulichen Erbes am Herzen liegen. Eine Bürgerinitiative, die sich mit den prominenten Namen von Günther Jauch und Lea Rosh schmückt, will das seit Jahren von dem Londoner Architekten geplante Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel verhindern – das „geistige Zentrum“ seiner Arbeit, wie Chipperfield stets betont.

Das ist allein deshalb pikant, weil das Eingangsgebäude mit zentralen Servicefunktionen für die künftig erwarteten vier Millionen Jahresbesucher der „Insel“ nicht allein den aller Ehren werten Namen James Simons tragen soll, des bedeutendsten Mäzens der Berliner Museumsgeschichte. Sondern auch, weil das Geld vom Bundestag bereits bewilligt wurde. 73 Millionen Euro haben die gestrengen Haushälter im mutigen Vorgriff auf einen in ferner Zukunft liegenden Termin freigegeben, weil ihnen die Argumente der Stiftung Preußischer Kulturbesitz derart eingeleuchtet haben, wie sie jedermann einleuchten, dem die Insel am Herzen liegt: Sie bedarf eines Gebäudes, das die Funktionen von der Kleiderablage bis zum Buchladen bietet, wenn die Besuchermassen der Besucher anrücken. Die Bürgerinitiative hingegen will die Museumsinsel, wie sie einmal war, und sogar noch weniger; denn Schinkels Verwaltungsgebäude – der Rest des einst großen Packhofes –, das zwischen Neuem Museum und Kupfergraben stand, musste Ende der dreißiger Jahre wegen schlechten Baugrunds abgetragen werden. Der Vorwurf, das Neue Museum sei nach Chipperfields Glasbau nicht mehr zu erkennen, verrät eine groteske Unkenntnis der Geschichte: Dessen Schauseite lag nach innen, zur Museumsinsel hin, und nicht zum Wasser.

Also geht es, mit vorgeschoben Argumenten, wieder einmal um die verhasste Moderne. Chipperfields Entwurf mag in der bislang vorgelegten Form noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Daran wird der 1953 geborene Architekt arbeiten. Aber dass die heutige Museumslandschaft, die nicht mehr auf wenige Kenner, sondern auf ein breites Publikum zugeschnitten ist, einen Zugang benötigt, den vor 150 Jahren niemand für erforderlich hielt, sollte sich die aufs übliche Ressentiment gegen alles Neue zielende Initiative schnellstmöglich klarmachen.

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