Augstein verteidigte umstrittenes Grass-Gedicht

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Debatte um Jakob Augstein : Was im 21. Jahrhundert antisemitisch ist

Augstein hat das Grass-Gedicht „Was gesagt werden muss“ verteidigt. Und er wird jetzt in Deutschland fast unisono vom Verdacht exkulpiert, sich selbst antisemitischer Stereotype zu bedienen. Es wirkt gar, als solle Augstein gegen Kritik in ebenjenem Maße immunisiert werden, in dem er und seine Mitstreiter annehmen, dass ihre Gegner Israel vor Kritik immunisieren wollen. Die Antisemitismusdebatte blüht und gedeiht durch Projektionen.

Am 6. April 2012 schrieb Augstein: „Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.“ Das heißt übersetzt: Israel will in einen Krieg ziehen und bedient sich dazu der jüdischen Lobby in Amerika und instrumentalisiert das deutsche schlechte Gewissen wegen des Holocausts.

Ist es wirklich so schwer, in dieser Formulierung den Topos einer finsteren Verschwörung zu erkennen? In dieser Wahn-Wahrnehmung beherrscht das kleine Israel mittels perfider Methoden nicht nur Amerika und Deutschland, sondern ist sogar in der Lage, „die ganze Welt am Gängelband“ zu führen. Die Maßlosigkeit der Unterstellung offenbart die Tiefe des Ressentiments.

Weil das offenkundig ist, überrascht der vehemente Verteidigungsreflex. Einer wie Augstein sei über jeden Verdacht erhaben, tönt es von allen Seiten. Was erklärt dieses einhellige Urteil? In der Verschwörungslogik Augsteins, dem der „Freitag“ gehört und ein Teil des „Spiegels“, könnte es an seinem eigenen Einfluss auf und seiner Macht über die deutsche Medienlandschaft liegen, dass er diese so einfach am Gängelband führen kann. Hoffen wir, dass seine Logik generell nicht stimmt.

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