Meinung : Die Alten auf dem Fließband

Von Rainer Woratschka

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Das Thema ist unangenehm, vielleicht verhalten sich die Politiker ja deshalb ein bisschen so wie wir. Alter, Hinfälligkeit, Angewiesensein auf andere, langsames Sterben? Bloß nicht dran denken. Das Dumme ist nur, dass Verdrängung – ob individuell oder politisch – immer weniger funktioniert. Jeder fünfte Deutsche, so wissen wir nun dank Emnid, hat in seiner Familie bereits einen Pflegefall. Damit wären mehr als doppelt so viele Menschen pflegebedürftig als die bekannten 2,3 Millionen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen. Das Problem ist kein künftiges, es ist längst da. Es ist nur noch ein Deckel drauf, der Deckel des Privaten: 71 Prozent der Pflegefälle werden zu Hause versorgt. Von Frauen meist, die sich damit oft überlastet fühlen und allein gelassen.

Der Deckel aber wird nicht draufbleiben, so bequem das für Politik und Gesellschaft bisher gewesen sein mag. In 37,5 Prozent der deutschen Haushalte leben nur noch Singles. Und die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich bis 2040 verdoppeln. Was da auf uns zukommt, ist noch gar nicht vorstellbar.

Umso dringlicher wäre es, sich endlich mal darauf vorzubereiten. Das beginnt mit der Frage, wohin man will. Ist im Alter eh schon alles egal oder haben auch Pflegebedürftige einen Anspruch auf Würde? Dass sie in sterile Heime müssen und dort im Fließbandverfahren abgefertigt werden, dass sich gute Pflege nicht lohnt, weil man für hinfällige Bewohner mehr kassieren kann, dass Hunderttausende Demenzkranker überhaupt keine Leistung erhalten – das alles ist bekannt und muss schleunigst geändert werden. Folgt die Frage nach der Finanzierung. Ist es die Aufgabe aller, menschenwürdige Pflege zu garantieren, oder obliegt dies nur dem Einzelnen und seinem Geldbeutel? Können wir es uns leisten, gut Verdienenden die Solidarität zu erlassen? Und wie gehen wir dann mit denen um, die nicht privat vorsorgen konnten oder wollten? Bei der Pflegereform, dessen sollten wir uns bewusst sein, geht es ans Eingemachte. Es geht um nichts weniger als um die Humanität unserer Gesellschaft.

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