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Assange war mit einem EU-weiten Haftbefehl gesucht worden. Der 39 Jahre alte Australier Assange hielt sich in Südengland auf. Er vermutet hinter dem Haftbefehl eine Kampagne der US-Regierung. Wikileaks geriet nach den neuesten Veröffentlichungen weltweit unter Druck.

© dpa

Digitale Enthüllungen: Die Entzauberung der Macht

Die von Wikileaks auf globalpolitischer Ebene praktizierte Entblößung von Vertraulichkeit bestätigt nur einen Trend: Google, Facebook, Spickmich - wenn alle peinlich sind, ist es bald keiner mehr. Ein Kommentar.

Eine Viertelmillion zum Teil geheimer Dokumente aus dem US-Außenministerium wurden Wikileaks zugespielt. Das hat international viel Unruhe ausgelöst. Beruhigend aber ist, wie wenig spektakuläre Informationen das Material enthält. Keine Verschwörung wurde aufgedeckt, kein Umsturzplan enthüllt. Sicher, die allergeheimsten Dokumente sind weiterhin geheim. Doch im Wesentlichen funktioniert die amerikanische Außenpolitik offenbar genau so, wie die Medien sie darstellen und Lieschen Müller es vermutet. Gemessen an der Vielzahl düsterer Verdächtigungen, die dem mächtigsten Land der Welt entgegengebracht werden, bedeutet die nun dokumentierte Fülle an Banalem eine aufklärerische Korrektur.

Dabei bestätigt die von Wikileaks auf globalpolitischer Ebene praktizierte Entblößung von Vertraulichkeit ohnehin nur einen Trend: Im Zeitalter von Internet, Digitaltechnik, Google, Facebook und Handykameras wird die Trennung von Privatem und Öffentlichem zunehmend aufgehoben. Intimes und Diskretes bleibt nur noch schwer verborgen. Die Gesellschaft wird transparenter. Persönlichkeitsrechte lassen sich nicht mehr in dem Maße schützen, wie wir es gewohnt sind.

Immer mehr Peinlichkeiten, Irrtümer und Verfehlungen werden bekannt. Wenn aber im Prinzip alle fehlbar sind, wird die Fehlbarkeit normal. Der US-Philosoph David Weinberger folgert daraus: „Ein Zeitalter der Transparenz muss ein Zeitalter des Vergebens sein.“

Das betrifft in erster Linie unser Verhältnis zu Autoritäten. Traditionell knüpft sich eine bestimmte Art von Autorität auch an den Nimbus der Makellosigkeit, der menschlichen Perfektion. Eltern-Kind, Lehrer-Schüler, Geistlicher-Glaubender, Vorgesetzter-Untergebener, Politiker-Bürger: Wer die Macht hat, muss sie sich im allgemeinen Verständnis erworben und verdient haben durch ein Quäntchen mehr als Können. Dieses unausgesprochene Mehr verschwindet gerade. Macht wird entzaubert.

Einige empfinden das als gefährlich, wie die heftige Auseinandersetzung um das Schülerportal Spickmich, auf dem Lehrer durch Schüler bewertet werden, gezeigt hat. Eindringlich wurde da vor einem Ansehensverlust der Lehrer gewarnt. Doch die Entzauberung von Macht könnte durchaus anders enden. „Vielleicht bewirkt unsere neue Öffentlichkeit, dass wir mitfühlender und auch versöhnlicher miteinander umgehen und mit den Irrtümern und Schwächen öffentlicher Personen ebenfalls“, schreibt der Internetvordenker Jeff Jarvis.

Gut möglich jedenfalls, dass in 20 Jahren niemand mehr Kanzler werden kann, ohne dass von ihm (oder ihr) kompromittierende Dokumente existieren. Ein Bill Clinton musste noch eine Ausrede erfinden, um seinen Haschischkonsum zu legitimieren („nicht inhaliert“). Ein Barack Obama kann es bereits folgenlos zugeben. Wenn mehr Privates öffentlich wird, befördert das womöglich die öffentliche Toleranz. Leider aber gibt es den Fortschritt nicht gratis: Die neue Gemeinschaft der Fehlbaren wird toleranter – und zynischer sein. Wer zu schwach zum Vergeben ist, sucht sein Heil eben oft in der Verdammung des Menschlichen. Damit zurück zu Wikileaks.

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