Meinung : Doch die Verhältnisse sind ganz anders

Gemeinsame Interessen bestimmen die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland

Gerd Appenzeller

Nein, es ist kein Fehler, wenn man sich im Miteinander der Völker immer wieder der Vergangenheit erinnert – und europäische Vergangenheit ist oft schmerzlich. Ja, das Erinnern ist wichtig, weil man nur im Blick zurück ermessen kann, wie weit wir miteinander gekommen sind. Es ist eine weite Strecke, die Deutsche und Polen auf dem Weg der Versöhnung miteinander zurückgelegt haben. Daran ändern auch die Krawallmacher diesseits und jenseits nichts.

Wenn Angela Merkel heute mit ihrem polnischen Gastgeber, dem Präsidenten Lech Kaczynski, über die Danziger Bucht schaut, kann sie vielleicht im Dunst die Westerplatte erkennen, mit deren Beschießung der Zweite Weltkrieg begann. Sie sieht dann schemenhaft, was Polen bis heute belastet – das Gefühl, ohnmächtiger Spielball der großen Mächte der Zwischenkriegszeit des 19. Jahrhunderts geworden zu sein. Deutschland (West) hat das Schicksal Polens lange Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem unter dem Gesichtspunkt der Vertreibung der Deutschen und der Annexion der Ostgebiete betrachtet. Dass auch Polen gegen seinen Willen auf der Landkarte verschoben wurde, dass mehr als sechs Millionen Polen Opfer des deutschen Überfalls wurden, all das fand erst später Eingang in das öffentliche Bewusstsein. Die Erklärung der deutschen Bischöfe bewirkte diesen Wandel mit, auch Willy Brandts Kniefall in Warschau.

Vieles am heutigen Umgangsstil des offiziellen Polen mit Deutschland und mit der Europäischen Union erklärt sich aus dieser anhaltenden Traumatisierung. Dass man nie wieder Opfer werden will. Dass man im Zweifelsfall nur den Amerikanern trauen kann. Dass es für Polen immer gefährlich wird, wenn Russland und Deutschland miteinander paktieren. Traumatisierte reagieren nicht rational. Mediziner wissen, dass man ihnen die Ängste vor einer Wiederholung des Schmerzes nur schwer nehmen kann, aber alles versuchen muss, dies zu tun. Politiker wissen das offenbar manchmal nicht. Erika Steinbach, die Vertriebenen- Präsidentin, zum Beispiel, hat davon keine Ahnung. Jene Vereinigung, die sich Preußische Treuhand nennt und ehemals deutschen Grundbesitz im heutigen Polen für die Alteigentümer auf dem Rechtswege rückerobern will, will es gar nicht wissen. Und Gerhard Schröder, der im nur kurzfristig wohlverstandenen deutschen Interesse eine Erdgaspipeline lieber teuer durch die Ostsee als viel kostengünstiger über polnischen Boden nach Russland verlegen will, hat sich leider auch keine Gedanken über die Geschichte gemacht.

Mit all dem wird Angela Merkel, eine kluge Politikerin, jetzt konfrontiert. Natürlich kann, vielleicht muss sie den Brüder Kaczynski sagen, dass der Ton des polnischen Beauftragten für die beiderseitigen Beziehungen, Mariusz Muszynski, anmaßend ist. Dass etwas verbale Abrüstung im Miteinander nichts schaden könnte. Vor allem jedoch muss sie einen viel deutlicheren Trennungsstrich gegenüber all jenen Bestrebungen in Deutschland ziehen, die die Polen bewusst reizen wollen. Frau Steinbach gehört dazu, die Preußische Treuhand und auch das Pipelineprojekt in der jetzigen Form. Die tatsächlichen Verhältnisse zwischen beiden Ländern sind nämlich weit besser, viel freundschaftlicher, als die Schreihälse uns glauben machen wollen.