Meinung : Drakonisch statt diskret

Die Bischofskonferenz berät über sexuellen Missbrauch

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Von Martin Gehlen

Die Einsicht kommt in Etappen. Vor einem Jahr betrachteten die deutschen Bischöfe den sich ausweitenden Skandal um pädophile Priester in den USA noch mit ungläubigem Staunen. Selbstbewusst erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, diesen amerikanischen Schuh brauche sich die deutsche Kirche nicht anzuziehen. Das würde er heute wohl nicht mehr sagen. Denn mittlerweile werden auch in Deutschland immer mehr Missbrauchsfälle öffentlich. Kleriker, die sich an Kindern oder Jugendlichen vergehen, sind kein amerikanisches Phänomen, sondern finden sich in fast allen Ortskirchen der Welt – also auch der deutschen.

Doch was tun? Andere Bischofskonferenzen suchen bereits seit längerem Wege, mit solchen schweren Verfehlungen von Priestern und mit den Leiden ihrer Opfer verantwortlicher als bisher umzugehen. Der Erfolg war gering. Denn diese Kirchen überantworteten die Fälle von Kindesmissbrauch zunächst kircheninternen Vertrauensleuten. Eine Meldung an staatliche Stellen wurde nicht verbindlich vorgeschrieben. Als erste hat nun die englische Kirche konsequent gehandelt. Seit einem halben Jahr setzt sie auf eine kompromisslos harte Linie. Die Beurteilung und Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch liegt jetzt in den Händen nicht-kirchlicher Fachleute. Pädophilen Klerikern droht die Entlassung aus dem Priesteramt und die Justiz wird immer informiert. Vor kurzem folgten die USA unter dem Druck der Ereignisse und des Vatikan diesem Beispiel.

Die Deutschen hingegen zögern. Lange wollten sie Glauben machen, die Diözesen seien mit Missbrauchsfällen – zumindest in den letzten 15 Jahren – kompetent umgegangen und es bedürfe nicht solch drakonischer zentraler Vorschriften. Die in jüngster Zeit bekannt gewordenen Fälle jedoch belegen das Gegenteil. Da verschwand zum Beispiel – wie im Bistum Essen – eine Beschwerde schlichtweg in der Schublade des Generalvikars. Im Bistum Mainz buchte der Personalchef die signifikanten Hinweise aus der Gemeinde als normale Streitigkeiten ab, wie sie in vielen Pfarreien vorkommen.

Seitdem steht auch hierzulande die Forderung, für alle Bistümer gemeinsame Richtlinien zu erlassen, auf der Tagesordnung der Bischofskonferenz. Angesicht der Erfahrungen anderer Ortskirchen sind drei Eckpunkte unverzichtbar: Die von der Kirche benannten Ombudsleute dürfen nicht aus dem innerkirchlichen Dunst kommen. Sie sollten in einer Distanz zur Hierarchie sein und nicht den Weisungen eines Ortsbischofs unterliegen. Denn der Binnendruck, solche unangenehmen Dinge unter den Teppich zu kehren, ist unverändert groß. Alle den Kirchen gemeldeten Verdachtsfälle müssen den staatlichen Stellen angezeigt werden. Und drittens müssen solche Richtlinien verbindliche kircheninternen Sanktionen gegen die Priester-Täter enthalten.

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