Meinung : Eine Säuberung der Geschichte

Warum die Treitschkestraße ihren Namen behalten sollte

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Von Martin Sabrow

In Steglitz heißt eine Straße nach Heinrich Treitschke, und in der Stadt mehrt sich der Unmut, den Namen eines Mannes im Stadtbild zu dulden, von dem der Satz stammt: „Die Juden sind unser Unglück.“ Der Straßenname sei eine Beleidigung, heißt es, und führe direkt zu Julius Streicher, der Treitschkes Botschaft zum Motto des Nazi-Hetzblatts „Der Stürmer“ machte.

Dagegen ließe sich manches einwenden: Der preußische Historiker Heinrich Treitschke gilt in der Geschichtswissenschaft bis heute als einer der bedeutendsten deutschen Historiker. Er begründete als Antipode Leopold von Rankes eine politische Geschichtsschreibung, die wissenschaftliche und literarische Ambitionen miteinander verband, und schrieb in ganz moderner Weise Geschichte als teilnehmender Beobachter.

Daran hatte die Gemeinde Steglitz erinnern wollen, als sie ihren Mitbürger zum 10. Todestag 1906 mit der Benennung einer neuen Straße ehrte, und vermutlich weniger an den 25 Jahre zurückliegenden Antisemitismusstreit, in dem der nationalistische Treitschke sich den liberalen Ansichten Theodor von Mommsens entgegengestellt hatte. Auch war seine für unsere Ohren heute so entsetzliche Äußerung von 1879 keine bloße Stammtischparole, sondern stammt aus einem Aufsatz „Unsere Aussichten“ in den damals von ihm herausgegebenen Preußischen Jahrbüchern, die zwar eine nationalistische Grundhaltung verfochten, dabei aber in ihrer wissenschaftlichen Seriosität allgemein anerkannt waren.

Treitschkes Antisemitismus war im Übrigen im Einklang mit seiner Zeit in erster Linie religiös und kulturell, nicht rassisch geprägt. Mehr noch: Seine Botschaft zielte nicht auf Ausschluss, sondern gerade umgekehrt auf Integration der preußischen Juden und insbesondere der ostjüdischen Immigranten. Ihnen sprach Treitschke eine „nationale Sonderexistenz“ ab und verlangte von ihnen in fremdenfeindlicher Schärfe Taufe und Assimilation, um das Gemeinwesen und sein staatliches Wertefundament vor dem Zerfall zu schützen.

Treitschkes christlich-germanisches Weltbild und seine ressentimentgeladene Wortwahl machen die Lektüre dem heutigen Leser ebenso zur Qual wie das Wissen, dass Treitschkes Polemik den Judenhass in Deutschland salonfähig zu machen half. Treitschke forderte von den nach Deutschland strömenden Einwanderern aus Ost- und Südosteuropa, „sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern“. Diese Position vertraten damals verbreitet übrigens auch jüdische Deutsche, die Kritik an jüdischer Selbstghettoisierung übten und die Aufgabe kultureller Absonderung forderten.

Doch das eigentliche Problem liegt woanders. Umbenennungen von Straßen und Einrichtungen sind ein geschichtspolitischer Reinigungsvorgang, der insbesondere nach historischen Zäsuren greift wie nach Beginn und Ende der Naziherrschaft und zuletzt nach 1990. Schwieriger wird es, wenn überkommene Bezeichnungen sich allmählich an den tektonischen Verschiebungen des Geschichtsbewusstseins zu reiben beginnen. Erbitterte Kämpfe begleiteten in jüngerer Zeit die Umbenennung einer nach Dietrich Schäfer benannten Straße oder des Steglitzer Tannenberg-Gymnasiums. Andere Bezeichnungen überdauern den Zeitenwandel, weil das Bewusstsein für ihre politische Bedeutung geschwunden ist.

So geht es im Falle Berlins etwa der Spanischen Allee in Zehlendorf, die weiter von der deutschen Unterstützung für Francos Truppen im spanischen Bürgerkrieg zeugt, oder dem Saaleckplatz in Lichterfelde, der an die thüringische Burg Saaleck erinnert, in der die Mörder Rathenaus ihr Ende fanden. Unbedeutend nehmen sich freilich beide gegen das Skandalon jener niedersächsischen Volkswagenstadt aus, die heute noch Hitlers nom de guerre und Selbstbild ungerührt als „Wolfs Burg“ in die Welt trägt.

Wie tief soll die geschichtliche Säuberung in das Stadtbild eingreifen? Straßennamen pflegen sich von ihrer Benennung zu emanzipieren. Mit der Zeit kann ihnen Tradition und Patina zuwachsen, häufig gewinnen sie ein Eigenleben, das ihnen eine eigene Aura und sei es die des Anstoßes sichert. Interessant ist die Stadt, die den Blick auf die Schichten ihres Werdens und die Brüche ihrer Geschichte preisgibt, nicht aber die Stadt, die in politischer Korrektheit die Vergangenheit zum bloßen Spiegel ihrer Gegenwart reduziert.

Die jüngst verhandelte Umbenennung der Friedrichstädtischen Kochstraße kann auch den wehmütig stimmen, der mit dem Meiereibesitzer Johann Jacob Koch aus dem frühen 18. Jahrhundert gar nichts anzufangen weiß, sondern den Namen mit dem rasenden Puls der Weimarer Zeit und ihrer Presse oder den Kämpfen im Zeitungsviertel während der Novemberrevolution verbindet. Ich plädiere dafür, den historischen Wachstumswert von Namensgebungen nicht geringer zu schätzen als ihren intendierten Benennungswert.

Im Zweifel tut der geschichtspolitische Straßenkampf gut daran, sich auf die Radbruch’sche Formel zur Lösung des Konflikts zwischen Recht und Gerechtigkeit zu besinnen: Überkommene Straßennamen sind zu erhalten, es sei denn, dass ihr Widerspruch zum Weltbild der Gegenwart ein ihrer Benennungsfunktion abträgliches Maß erreicht.

Der Autor ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.