Meinung : Eitelkeit im Orbit

Europas Navigationssystem Galileo ist überflüssig

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Alexander S. Kekulé Die himmlischen Versprechungen klangen wunderbar: Das Satellitensystem „Galileo“ sollte Europa endlich unabhängig vom GPS-Monopol der USA machen. Metergenaue Navigation würde vollkommen neuartige Anwendungen ermöglichen, Europa einen Milliardenmarkt erschließen und bis 150 000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Europäer hinken ihrem Zeitplan um Jahre hinterher, private Mitinvestoren für das 3,9 Milliarden-Projekt fehlen.

In seltsamer Einstimmigkeit beschwören Politiker, Wirtschaftsführer und Ingenieure den Bedarf für das europäische Ortungssystem – doch die Argumente dafür sind äußerst dürftig.

Während des Irakkriegs 2003 ging in der EU ein Angstgespenst um: Die USA könnten die zivilen GPS-Frequenzen manipulieren oder gar abschalten, um ihre elektronische Überlegenheit zu sichern. Der ADAC warnte vor Verkehrschaos in den Großstädten, Piloten fürchteten um die Flugsicherheit. Seither gehört der „militärische Charakter“ des amerikanischen Navigationsmonopols GPS (Global Positioning System) zu den Dauerargumenten für das „zivile“ Konkurrenzsystem Galileo. Das US-Militär benützt jedoch eigene Frequenzen, die ohnehin nicht öffentlich zugänglich sind. Davon abgesehen ist die Störung des Navigationsempfanges in Kampfgebieten („jamming“) für Galileo so simpel wie für GPS.

Auch mit der angeblich höheren Genauigkeit ist es nicht weit her. Die EU wirbt mit fantastischen Anwendungen, die angeblich nur durch die geplanten 30 Galileo-Satelliten möglich werden sollen: Fußgängernavigation in den Städten, satellitengesteuerte Parkleitsysteme, metergenaue Ortung für verlorene Hunde und Kleinkinder. Autofahrer sollen Meldungen über Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote erhalten, Bauern ihr Saatgut per Satellitensteuerung ausbringen. Was die Weltraumwerbung verschweigt: Alle diese Anwendungen funktionieren auch ohne Galileo.

Zwar liegt die horizontale Genauigkeit von GPS mit derzeit 10 bis 20 Metern unter den geplanten 1 bis 4 Metern für Galileo, was insbesondere für den Luftverkehr ein Sicherheitsrisiko sein kann. Doch Europa hat dieses Problem längst gelöst. Eine als „Differenzielles GPS“ (DGPS) bekannte Technik korrigiert Ortungsfehler, die durch unterschiedliche Laufzeiten der GPS-Signale in der Atmosphäre entstehen. Hierzu misst ein Netzwerk von 34 Bodenstationen (EGNOS, European Geostationary Navigation Overlay Service) die Signalqualität und berechnet ortsabhängige Korrekturdaten. Diese werden über drei schon länger im Orbit stationierte Satelliten an die GPS-Empfänger verschickt. In den USA und Japan gibt es DGPS schon länger. Seit vergangenem Jahr liefert es auch im EU-Gebiet die für Galileo geplante Genauigkeit von ein bis vier Metern. Demnächst soll auch das russische Navigationssystem „Glonass“ erneuert werden, China will 2008 sein eigenes Satellitensystem „Compass“ in Betrieb nehmen. Ab 2015 wollen die USA GPS II und später GPS III einführen, mit noch höheren Genauigkeiten.

Da verwundert es kaum, dass Galileo keine privaten Finanzierungspartner findet. Viel Geld ist ohnehin nur mit den Endgeräten zu verdienen – und die kommen meist aus Fernost. Auch die Autoindustrie hat bereits abgewunken: Galileo brächte für sie keine erkennbaren Vorteile. Eigens gegründete Entwicklerzentren in Pfaffenhofen und Darmstadt haben keine einzige Anwendung hervorgebracht, für die Galileo wirklich gebraucht wird. Auch im gerade vorgelegten „Grünbuch“ der Kommission findet sich keine Idee, wie Galileo an dem für 2025 erwarteten 400-Milliarden-Markt für Navigationssysteme Geld verdienen will. Der nahe liegende Ausweg, Galileo doch auch militärisch zu nutzen, wird offiziell bislang abgelehnt.

Statt der ursprünglich für 2008 geplanten Inbetriebnahme wird nun 2014 genannt. Bisher hat die EU nur einen einzigen Testsatellit hastig in den Orbit geschossen, weil sonst die Frequenzrechte an China gefallen wären. Möglicherweise täte Europa gut daran, dem Weltraum 30 weitere Schrottteile zu ersparen.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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