Meinung : „Es kommt nicht mehr auf die Herkunft an“

Stephan Haselberger

Um die Regierungstreue der Abgeordneten vom Seeheimer Kreis braucht sich die SPD-Spitze für gewöhnlich keine Gedanken zu machen: Der rechte SPD-Flügel versteht sich als eine Art Schutzgarde der Regierung. Sein Sprecher Klaas Hübner stellt da keine Ausnahme dar.

Und doch täte man dem 39-jährigen Unternehmer aus Neugattersleben in Sachsen-Anhalt Unrecht, würde man seine Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion gestern allein auf diese Loyalität zurückführen. Dass ihn Fraktionschef Peter Struck als Nachfolger des erkrankten Stephan Hilsberg für das Amt vorgeschlagen hat, hat auch mit Hübners politischem Geschick zu tun. Anders als sein Kosprecher Johannes Kahrs, der den Seeheimer Kreis nach Meinung mancher seiner Mitglieder stets eine Spur zu laut und zu schrill vertritt, hat Hübner in seiner Außendarstellung Maß gehalten. Despektierliche Äußerungen etwa über Bundeskanzlerin Angela Merkel (Kahrs: „Der Fisch stinkt vom Kopf her“) sind von ihm nicht überliefert. Ihm liegt mehr das Geräuschlose: die Absprachen hinter den Kulissen, die Verhandlungen mit den Kollegen von der Parlamentarischen Linken oder den Netzwerkern in der Fraktion. In beiden Gruppierungen wird er als verlässlich geschätzt, was er anbiete, meine er auch so – und könne es auch einhalten, heißt es. Manche unter den SPD-Linken glauben gar, es sei sein Verdienst, den Seeheimer Kreis in den vergangenen Jahren zusammengehalten zu haben.

Als Nachfolger des früheren DDR-Bürgerrechtlers Hilsberg wird Hübner nun in der Fraktionsführung für die Bereiche Verkehr und Aufbau Ost verantwortlich sein. Mit der Materie ist er als zuständiger Berichterstatter im Haushaltsausschuss vertraut, am Aufbau Ost hat er eigenhändig mitgewirkt, als er sich 1991 in Neugattersleben selbstständig machte. Sein metallverarbeitender Betrieb hat heute 200 Beschäftigte.

Dennoch hätten einige ostdeutsche SPD-Bundestagsabgeordnete lieber einen gebürtigen Ostdeutschen, besser noch eine Ostdeutsche, in die Fraktionsführung geschickt. Hübner kam zwar schnell nach der Wende nach Sachsen-Anhalt, aber sozialisiert wurde er im Westen. Und so versuchte die Brandenburger SPD-Abgeordnete Andrea Wicklein am Dienstag vergeblich, Hübner den Posten in einer Kampfkandidatur streitig zu machen. Der Gewinner aber sieht in seiner Wahl ein Zeichen dafür, dass es „17 Jahre nach der Wende nicht mehr auf die Herkunft ankommt.“

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