Christus erlöst mit seinem Leiden die Menschheit

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Essay : Deutschland ist ein Land der Hypochonder

Das Christentum sah den Umgang mit Leiden und Tod über Jahrhunderte hinweg vor der Folie der Passion. Jesus Christus wurde gegeißelt, man setzte ihm die Dornenkrone auf, verspottete ihn mit einem falschen Königsgewand, schlug ihn und schlug ihn schließlich ans Kreuz, doch die sinnlose und willkürliche Grausamkeit des Leidens wurde religiös überschrieben durch das Motiv der Erlösung. Wer den Himmel sehen will, muss sterben. Christus löst mit seinem Leiden die gesamte Menschheit aus.

Ertragen hat er die Passion, so will es die Bibel, mit Fassung. Von seinem Aufschrei („Mein Gott, warum hast du mich verlassen“), der sich als Verzweiflung und Anklage interpretieren ließe, berichten nur Matthäus und Markus. Johannes hingegen bemerkt: „Er trug sein Kreuz.“ Über Jahrhunderte hinweg blieb die Erzählung vom Leiden als göttliche Prüfung – und vom Nicht-Leiden als Zeichen von göttlichem Wohlwollen – ein Leitbild. Der duldsame oder schmerzfreie Tod durfte in der Vormoderne in kaum einer Herrscherbiografie als Beleg eines gottgefälligen Lebens fehlen.

Neben dem Ausfallen sinnstiftender Interpretationen verschiebt sich aber auch faktisch die Art und Weise, wie wir krank sind. Die Weltgesundheitsorganisation listet die gravierendsten globalen Gesundheitsprobleme auf: Kleinkindsterblichkeit, Unterernährung, Tuberkulose und Malaria, mangelnde Toiletten und verschmutztes Trinkwasser, Kriege, gefährliche Arbeitsbedingungen und chaotische Straßenverhältnisse. Noch immer haben viele Menschen kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. Fast alle dieser Probleme wirken hierzulande beinahe ebenso mittelalterlich wie das Sich-Versenken in die Passion Christi. Die Geißeln der Menschheit spielen, global betrachtet, bei uns überhaupt keine Rolle mehr.

Doch auch um die westlichen Industrienationen sorgt sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO), denn bei uns steigt die Zahl der Zivilisationskrankheiten. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und einige Krebserkrankungen. Die Ursachen sind ungesunde Über-Ernährung, wenig Bewegung, Tabak und Alkohol. Etwa ein Fünftel der deutschen Erwachsenen ist laut WHO-Bericht übergewichtig. Infarkte, Gefäßkrankheiten und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren laut statistischem Bundesamt die häufigste Todesursache im Jahr 2010. Auch die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt zu, im vorigen Jahr ist sie so stark gestiegen wie noch nie. Sie machten 2010 laut dem Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten Krankenkasse ein Achtel des gesamten Krankenstandes aus.