Psychische Erkrankungen sind schwer zu definieren

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Essay : Deutschland ist ein Land der Hypochonder

Man könnte sagen, dass insgesamt die schicksalhaften, unabwendbaren Krankheiten seltener werden, die Krankheiten hingegen, auf die wir tatsächlich oder vermeintlich einen Einfluss haben, zunehmen. Wer kurz vor dem Infarkt steht, muss eben mehr Sport treiben und weniger Fritten essen. Wer sich depressiv fühlt, muss einfach mal zum Yoga oder eine bessere „Work-Life-Balance“ suchen. Der medizinische Fortschritt untermauert diese Vorstellung. Immer neue Methoden und Medikamente verheißen die totale Kontrolle über den eigenen Körper. Alles ist machbar, jeder selbstverantwortlich. Auch ein Prinzip der Leistungsgesellschaft.

In der Folge wird die Definition des „Normalen“ enger. Zurzeit tobt, wie der Tagesspiegel berichtet hat, ein Streit in der American Psychiatric Association, der Vereinigung der amerikanischen Psychiater. Dabei geht es um die Neufassung eines Kataloghandbuchs zur Bestimmung seelischer Erkrankungen. Vorgesehen ist, die Trauer nach dem Tod eines Angehörigen schon nach zwei Wochen als bedenkliches Anzeichen einer depressiven Störung zu definieren. Wer also 14 Tage nach dem Tod seines Lebenspartners immer noch schlecht schläft und keinen Appetit hat, gilt als beinahe krank. Die Zeitspanne wird bereits zum dritten Mal verkürzt. In der Vorgängerversion gab das Handbuch den Trauernden noch zwei Monate, in der vorvergangenen Ausgabe sogar noch ein ganzes Jahr.

Gerade bei psychischen Krankheiten ist es ausgesprochen schwierig, zu definieren, welcher Zustand „krank“ und welcher „gesund“ ist. Wie schmal der Grat zwischen dem Erkennen eines neuen gesellschaftlichen Problems und der Pathologisierung normaler Zustände ist, zeigen sowohl die Debatte um das Burn-out-Syndrom als auch um die Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Der Pirat Christopher Lauer berichtet in seiner ADHS-Beichte: „Leben mit ADHS ist mein Normal“. Er nennt ADHS einen „Wahrnehmungszustand“. Die Diagnose habe ihm geholfen, rückwirkend einiges zu erklären und sich selbst „einzuordnen“. Dass er Medikamente nimmt, sieht er mit einem gewissen Trotz aber lediglich als ein „Zugeständnis“ an eine Gesellschaft, in der die meisten Leute kein ADHS haben. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass die enorme Häufigkeit der Diagnose ADHS auf eine hohe Anzahl von Fehldiagnosen und auf falsche Erwartungen bei Eltern und Ärzten zurückzuführen ist. Gerade fanden Wissenschaftler der Universitäten Bochum und Basel in einer Studie in Deutschland und der Schweiz Belege für die Überdiagnose des Syndroms.

Wenn der Rahmen des „Normalen“ sich verengt und die Vorstellung der Eigenverantwortung für das geistige und körperliche Wohlbefinden zunimmt, wenn gleichzeitig der Druck steigt, als Arbeitskraft zu funktionieren, erscheint schnell das Gespenst der Entsolidarisierung. Eine Interpretation von Krankheit, die sich an der Leistung orientiert, scheint nicht vereinbar mit einem Solidarsystem, das teuer ist und bald immer mehr Ältere und Kranke zu versorgen hat. Glücklicherweise ist davon im Moment noch wenig zu spüren. Keine Partei in Deutschland stellt das System momentan grundsätzlich infrage. Den Druck machen wir uns selbst – und reden eifrig darüber.

So landet man schließlich doch wieder beim Osterthema. Die Vorstellung, durch das Leiden erlöst zu werden, es deshalb erdulden zu müssen, ist der modernen Gesellschaft fremd geworden. Als Gemeinschaft aber müssen wir das Kranksein als Normalfall annehmen.