Meinung : Europas Abwehr

Beides geht zusammen: Ein Schutzschild gegen Raketen und Sicherheit für Russland

Clemens Wergin

Irakkrieg 1991: Eine internationale Koalition vertreibt die Iraker aus dem besetzten Kuwait. Israel war nicht Teil dieser Koalition – dennoch wurde es von Saddam Hussein mit Raketen beschossen. Die Israelis mussten über Wochen in Bunker und abgedichtete Zimmer flüchten, weil man fürchtete, Irak könnte biologische oder chemische Massenvernichtungswaffen auf seine Raketen montieren. 39 wurden auf Israel abgeschossen. Selbst den amerikanischen Patriot-Abwehrraketen gelang es nicht, mehr als eine rechtzeitig abzufangen. Diese Erfahrung der Verwundbarkeit hat sowohl in Israel als auch in den USA zu erneuten Anstrengungen geführt, effektivere Raketenabwehrsysteme zu entwickeln.

Die nun von den Amerikanern geplante Radarstation in Tschechien und die zehn Abfangraketen in Polen haben in Europa für Wirbel gesorgt, weil die russische Seite suggeriert, das System sei gegen das eigene Abschreckungspotenzial gerichtet. Dabei ist es eine seltsame Vorstellung, zehn Abfangraketen könnten etwas gegen das in die Tausende gehende Arsenal russischer Atomraketen ausrichten. Aber da Fragen des strategischen Gleichgewichts immer an europäische Urängste aus dem Kalten Krieg rühren, stoßen die US-Pläne auf große Skepsis. Die Drohung Russlands, Polen und Tschechien würden so zu Zielobjekten, und man werde möglicherweise den Vertrag über die Reduzierung von Mittelstreckenwaffen kündigen, haben Europa eingeschüchtert.

Dabei liegen die Vorteile des US-Systems auf der Hand. Ziel ist es, durch „Schurkenstaaten“ nicht erpressbar zu werden. Schließlich sind raketengestützte Massenvernichtungswaffen der Trumpf des armen Mannes: Auch Länder, die sich keine technisch hochgerüstete Armee leisten können, halten damit ein riesiges Zerstörungspotenzial in den Händen. Ein Programm, das gegen diese Bedrohungen gerichtet ist, kann man nur begrüßen. Ein solcher Schutz wäre auch für ganz Europa wünschenswert – schon deshalb, weil sich die Iraner bislang nicht von ihrem Atomprogramm haben abbringen lassen. Teheran besitzt schon heute Raketen, die bis an die Randgebiete der EU reichen. Da sich die Mullahs weiter um die Ausdehnung ihrer Reichweiten bemühen, ist es wahrscheinlich, dass sie in wenigen Jahren bis zur Mitte Europas gelangen könnten.

Das würde den Kontinent erpress- und verwundbar machen – und sollte ihm deshalb Kopfzerbrechen bereiten. Schließlich kann man durchaus Zweifel haben, ob Abschreckung und Eindämmung (die ebenfalls vor allem von den USA besorgt werden müssten) gegen ein religiöses Regime helfen, das sich einer radikal antiwestlichen Ideologie verschrieben hat.

Es ist sicher richtig, dass die Amerikaner ihr Vorhaben geschickter hätten präsentieren können – auch wenn Russland allein im letzten Jahr mindestens zehnmal konsultiert wurde. Wladimir Putin spielt nun test the west und versucht, einen Keil in die Nato zu treiben. Es ist bezeichnend für den Zustand der strategischen Debatte in Europa, dass viele diesem durchsichtigen Manöver auf den Leim gehen. Denn eigentlich sollte es nicht so schwer sein, beides zu erreichen: Einen Schutzschirm gegen Schurkenstaaten und ein Inspektionsregime für die Russen, damit die sicher sein können, dass das neue System nicht zu einer Bedrohung für ihre Abschreckung wird. Es ist in Europas Interesse, dass dieses Gleichgewicht nicht aus den Fugen gerät – aber auch, dass es in Zukunft nicht von Schurkenstaaten erpresst oder angegriffen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben